Offenbarungen in Schwarz-Weiß

Photographie-Ausstellung von Gerardo Korn

Von Susanne Franz

plazasanmartin2

Am kommenden Mittwoch, 11. Oktober 2017, um 19 Uhr, wird Gerardo Korns Ausstellung “BUENOS AIRES – OFFENBARUNGEN” im Generalkonsulat und Zentrum für Wirschaftsförderung der Republik Argentinien in Frankfurt am Main, Eschersheimer Landstrasse 19-21, 60322 Frankfurt/Main, eröffnet.

Aus diesem Anlass hier unser Artikel anlässlich seiner Ausstellung in Buenos Aires im vergangenen Jahr:

“Ich wurde im Jahr 2011 von diesem Rausch erfasst”, erklärt Gerardo Korn an einem regnerischen Nachmittag im Centro Cultural Borges seine Motivation, Buenos Aires auf eine besondere Art und Weise zu fotografieren. Wir sind gerade durch seine Ausstellung “Revelaciones” gegangen, wobei sich herausgestellt hat, dass dieser so trübe Tag ganz besonders gut geeignet ist, seine menschenleeren Schwarz-Weiß-Bilder der Stadt zu betrachten, die er nachts oder abends oder in den frühen Morgenstunden aufgenommen hat, wenn das Licht diffus und magisch ist. “Buenos Aires sieht man sonst meist nur mit strahlend blauem Himmel, überall wimmelt es von Menschen”, meint Gerardo, der nach eigenem Bekunden keine Ahnung hatte, auf was er sich einließ, als er seine künstlerische Laufbahn begann. “Ich wusste damals nicht, dass ich für einige Bilder drei Jahre brauchen würde.”

Gerardo erzählt von seiner Liebe zur klassischen Fotografie und schwärmt von den Städten Paris und New York, die die Fotografie-Städte schlechthin seien. Er wollte, dass es ähnliche Bilder auch von Buenos Aires gäbe – Bilder voller Melancholie, die die Stadt in einem zeitlosen Zustand zeigen. “Gerade Buenos Aires, eine Stadt, die im Alltag oft aggressiv zu den Bewohnern ist”, reflektiert der in Argentinien geborene Sohn deutscher Eltern, der mit seiner Kunst die Beziehung der Menschen zu ihrer Stadt wiederherstellen möchte, indem er sie in einem friedlichen Zustand zeigt.

Gerardo Korns wunderschöne Bilder stellen einen besonderen Rundgang durch die Stadt Buenos Aires dar. Die meisten Motive kennt man oder hat sie schon hundertmal auf Bildern gesehen – aber noch nie so wie hier. An Stelle von Konsum steht hier Augenschmaus. Jeder einzelne Mensch steht alleine an dieser Stelle und schaut mit dem Fotografen durch das Obektiv, schaut auf einmal richtig hin und kann in Stille und innerer Ruhe mit dem Gesehenen kommunizieren.

Einer, der sofort erkannt hat, dass es sich bei den Bildern Gerardo Korns um wahre Kunstwerke handelt, war der renommierte argentinische Maler Guillermo Roux. Diesen sprach Gerardo an, als er begann, einen Ausstellungsraum zu suchen, um seine Kunst bekannter zu machen. Warum gerade Roux? Ganz einfach – die beiden sind Nachbarn und waren dies bereits seit 40 Jahren. Immer grüßte man sich freundlich aus der Ferne, deshalb war Roux zunächst überrrascht, als Gerardo bei ihm vorbeischaute und ihn bat, ob er ihm seine Bilder zeigen dürfte. Er sagt Ja – und war begeistert. Innerhalb von fünf Tagen hatte er einen Text geschrieben, aus dem auch der Titel der Ausstellung, “Revelaciones” (Offenbarungen) stammt, und Gerardo war zu Tränen bewegt. “Seit diesem Tag im April 2015, als ich bei Guillermo Roux geklingelt habe, ist mein Leben nicht mehr, wie es vorher war”, sagt Gerardo. Der große alte Maler, der mittlerweile zu einem Freund geworden ist, gab ihm die Kraft, seine Zweifel zu überwinden, und unterstützte und unterstützt ihn.

Drei der Werke, die in der Ausstellung hängen, sind Gemeinschaftsarbeiten der beiden: Fotografien von Gerardo Korn mit einer Intervention von Roux. Mit Absicht sind die Roux‘schen Elemente nur sehr sparsam eingefügt, um die friedliche Stille der Werke nicht zu zerstören. So geben sie ihnen einen surrealistischen, überraschenden Anstrich. Acht von zehn Werken, die die beiden als Zusammenarbeit angestrebt haben, sind bereits fertig, die drei, die Gerardo am liebsten mag, sind in der Ausstellung zu sehen.

Im vergangenen argentinischen Sommer hat Roux Gerardo Korn eingeladen, fotografisch und filmisch ein Werk von ihm zu dokumentieren: Er wollte eine Göttin in sein Schwimmbad malen, und dann begeisterte er sich und malte das ganze Schwimmbad aus. Der Maler, der im Rollstuhl sitzt, wurde dabei von einem Freund hin und hergeschoben und malte mit einem Pinsel, der an einem ein Meter langen Bambusstab befestigt war. “Das war der Sommer, in dem ich vier Monate in einem Schwimmbad ohne Wasser verbracht habe”, lacht Gerardo, der in Zusammenarbeit mit dem Regisseur Martín Serra in Kürze einen Entwurf des Filmes vorstellen will, der aus dem Material entstehen soll.

“Die Welt ist mein Land”, sagt Gerardo Korn, der seine mit Kodak Professional Tri-X fotografierten Filme nach Halle in Deutschland schickt, wo ein darauf spezialisierter Betrieb sie entwickelt und digitalisiert. Die digitalisierte Version sendet Gerardo nach London, wo die Werke auf feinstem Papier ausgedruckt werden, um dann den Weg zurück nach Argentinien zu finden. Die hohe Qualität der Werke und besonders auch die gewagten, äußerst wirkungsvollen 60 x 90-Formate (die neben anderen in 30 x 45 hängen) tragen mit zu dem Zauber bei, den Gerardos Fotografien ausstrahlen.

Die Ausstellung im Centro Cultural Borges und die Veröffentlichung einiger Werke der Serie “Revelaciones” in Jorge Tardittis Luxus-Kunstmagazin “Georges” sowie das “Göttin im Schwimmbad”-Projekt sind erst der Beginn und nur ein Teil der Pläne des entspannten und zugleich mit viel positiver Energie geladenen Künstlers – momentan arbeitet er auch an einem Tango-Projekt. Sein Ziel? Die Welt, die seine Heimat ist.

Weitere Infos auf der Webseite des Künstlers bzw. bei Facebook.

Foto:
Gerardo Korn, “Barrio de Retiro, Plaza San Martín, 2012”.

La versión en castellano del artículo se encuentra aquí.

Wo Che Guevara wohnte

Gedenkplatte erinnert an Wohnort des Revolutionärs in Buenos Aires

Von Marcus Christoph


Ernesto „Che“ Guevara ist einer der weltweit bekanntesten Argentinier. Der Guerrillero, der einst in Kuba an der Seite Fidel Castros triumphierte und später im Kampf in Bolivien ums Leben kam, gilt auch heute noch als Ikone für Revolution schlechthin. Dass Guevara wichtige Jahre seines Lebens in Buenos Aires verbrachte, daran erinnerte in der Hauptstadt bislang praktisch gar nichts.

Dies ist nun anders. Denn seit Mitte Juni erinnert eine Steinplatte auf dem Bürgersteig an der Ecke der Straßen Aráoz und Mansilla im Stadtteil Palermo an den Revolutionär. Dieser hatte dort von 1948 bis 1953 als junger Medizinstudent mit seinen Eltern und vier Geschwistern in einem Zwei-Etagen-Haus gelebt, das mittlerweile durch einen mehrgeschossigen Neubau ersetzt wurde. Zahlreiche Interessierte und Schaulustige wohnten der feierlichen Einweihung bei, die von politischen Gruppen wie „Memoria Palermo“ und „Palermo K“ sowie Anwohnern organisiert worden war.

„Von dieser Stelle sind wir am 7. Juli 1953 gemeinsam nach Retiro aufgebrochen“, erinnerte sich der heute 88-jährige Carlos „Calica“ Ferrer an den Auftakt der Lateinamerika-Reise, die er gemeinsam mit seinem Jugendfreund Ernesto antrat. Für letzteren war es bereits die zweite große Reiseunternehmung, an deren Ende er 1955 in Mexiko Fidel Castro kennenlernte und sich der kubanischen Revolution anschloss.

Ein weiterer Ehrengast der Veranstaltung war Juan Martín Guevara. Der jüngste Bruder des Revolutionärs betonte, die Einweihung der Bodenplatte bedeute, mit „der Haltung der Stadt Buenos Aires zu brechen, die verleugnet, dass Ernesto Guevara hier gelebt hat, hier Arzt wurde und sich hier für das Leben vorbereitete, das heute als immenses Bild vor uns steht“.

Juan Martín Guevara äußerte seine Hoffnung, dass weitere Erinnerungsakte zu Ehren seines Bruders folgen mögen. Angestrebt ist eine Straßenbenennung nach dem Guerrillero. In diesem Zusammenhang beklagte er die Widerstände, die es dagegen sowohl im Stadtparlament als auch an der Medizinischen Fakultät der Universität von Buenos Aires (UBA) gebe. Letztere hatte sich geweigert, eine Che-Statue aufzustellen.

Auch Norberto Alayón, ehemals Vize-Dekan der sozialwissenschaftlichen Fakultät der UBA, beklagte den mangelnden politischen Willen der in der Stadt regierenden Pro-Partei, an den weltbekannten Revolutionär zu erinnern. Er hob von daher auch die Entschlossenheit der Anwohner hervor, sich trotz des politischen Gegenwindes für die Bodenplatte ausgesprochen zu haben.

Kämpferisch war der Auftritt von Taty Almeida von den Müttern der Plaza de Mayo (Gründungslinie). Man solle nicht müde werden, dafür zu kämpfen, dass das Andenken Che Guevaras in Buenos Aires in angemessener Weise gewürdigt werde. Um ihre Verbundenheit mit dem Guerrillero zu verdeutlichen, tauschte Almeida ihr traditionelles weißes Kopftuch gegen die Baskenmütze mit dem roten Stern aus. Der Jubel der Anwesenden war ihr sicher. Mit dem Singen des Lieds „Hasta Siempre Comandante“ des kubanischen Liedermachers Carlos Puebla klang der emotionsgeladene Vormittag aus.

Foto:
Die Bodenplatte zu Ehren Che Guevaras wird gelegt. Sitzend: Carlos „Calica“ Ferrer und Taty Almeida.
(Foto: Marcus Christoph)

Text der Gedenkplatte:

EN ESTE SOLAR VIVIÓ EL CHE
ERNESTO GUEVARA DE LA SERNA
EN CONMEMORACIÒN A SU LUCHA
POR LA TRANSFORMACIÓN
Y LA JUSTICIA SOCIAL

Auf diesem Grundstück lebte der Che
Ernesto Guevara de la Serna
Im Gedenken an seinen Kampf
Für den Wandel
Und die soziale Gerechtigkeit
(aus amerika21.de)

“Werkzeug gegen Ungerechtigkeit”

Osvaldo Bayer präsentiert sein neues Buch “La Chispa”

Von Marcus Christoph


Das Interesse war groß. Die Schlange derjenigen, die eine persönliche Widmung des Autors haben wollten, schien kein Ende nehmen zu wollen: Osvaldo Bayer war mit seinen 90 Jahren noch einmal richtig gefordert bei der Vorstellung seines neuen Buches “La Chispa” (Der Funke), die am Sonnabend vergangener Woche im Gebäude der Gewerkschaft der Telekommunikationsarbeiter (FOETRA) im Buenos-Aires-Stadtteil Once stattfand.

Das Buch bezieht sich auf die gleichnamige Zeitung, die Bayer 1958 im patagonischen Esquel (Provinz Chubut) ins Leben rief. Während ihrer nur fünfmonatigen Existenz prangerte die Publikation soziale Missstände an. Sie attackierte die Großgrundbesitzer und berichtete detailliert über Landraub durch Geschäftsleute und Politiker zu Lasten der Urbevölkerung im Bezirk Cushamen. Bayer kritisierte zudem die wirtschaftsliberale Politik des damaligen Präsidenten Arturo Frondizi. In die Zeit von “La Chispa” fällt der Sieg der kubanischen Revolution, die von Bayer begrüßt wurde.

Bayer, der zuvor in Buenos Aires und Hamburg Geschichte und Philosophie studiert hatte, war nach Esquel gekommen, da er eine Anstellung bei der dortigen Lokalzeitung gefunden hatte. Wegen seiner sozialkritischen Texte wurde er jedoch entlassen und gründete mit “La Chispa” seine eigene Publikation. Sein journalistisches Schaffen hatte schließlich die Ausweisung aus der Provinz Chubut zur Folge. Zurück in Buenos Aires arbeitete Bayer dann als politischer Redakteur bei der Zeitung “Clarín”.

Breitere Bekanntheit erlangte er durch sein Buch “Patagonia Rebelde”, das den Aufstand patagonischer Landarbeiter um 1920 und dessen blutige Niederschlagung durch das Militär zum Thema hat. 1974 wurde das Werk durch Filmregisseur Héctor Olivera verfilmt. 1976 ging Bayer ins Exil nach Deutschland, von wo er 1983 nach Argentinien zurückkehrte.

In dem vorliegenden Buch sind ausgewählte Artikel Bayers gebündelt, die damals in “La Chispa” abgedruckt wurden. Zudem erläutern Texte von Kurator Bruno Nápoli und Verleger Ariel Pennisi den historischen Kontext. “Die Themen von damals wie Landraub und Ausbeutung sind auch heute noch aktuell”, begründet der Historiker Nápoli während des Podiumsgesprächs, weshalb die fast 60 Jahre alten Texte weiterhin interessant seien.

“Bei ‘La Chispa’ hat Osvaldo seinen Stil gefunden: direkt und verständlich für alle”, beschreibt Esteban Bayer, Osvaldo Bayers dritter Sohn, der selbst Journalist geworden ist und heute in Deutschland lebt. Verleger Pennisi bezeichnete “La Chispa” als Bayers “Werkzeug im Kampf gegen Ungerechtigkeit”. Mit seinem couragierten Einsatz für die Benachteiligten stelle Osvaldo Bayer eine “feste Koordinate für unser heutiges Schaffen” dar. Florencia Podestá, Dozentin für Kommunikation an der Nationaluniversität von Avellaneda, würdigte “La Chispa” als Beispiel für einen engagierten Journalismus, der der Wahrheit verpflichtet sei.

Schließlich ergriff auch Bayer selbst das Wort. Es müsse der Anspruch journalistischer Arbeit sein, dass sich die Wahrheit durchsetze. Das gelte damals wie heute. Er schloss seine kurze Ansprache mit einem Hoch auf die Freiheit, ehe er bei der anschließenden Autogrammstunde Schwerstarbeit zu verrichten hatte.

Foto:
Osvaldo Bayer beim Signieren der Bücher. Rechts sein Sohn Esteban, links von ihm Bruno Nápoli, der die Texte für das Buch zusammenstellte.
(Foto: Marcus Christoph)

Künstlerblicke auf Land und Leute

Buenos Aires und die Pampa werden in den Werken von Benito Quinquela Martín, Xul Solar, Antonio Seguí und Florencio Molina Campos lebendig

Von Susanne Franz

Quinquel.jpg
Hafenstimmung: “Atardecer rosado” (1969) von Benito Quinquela Martín.

Der Maler Benito Quinquela Martín war von dem Hafenviertel “La Boca” geprägt und prägte es selber mit. Alejandro Xul Solar hatte seinen Kopf in den Wolken, aber seine Füße fest auf dem Boden seiner Heimatstadt Buenos Aires. Antonio Seguí schaut ein bisschen böse, ein bisschen wehmütig auf sein Heimatland, das er schon vor über 40 Jahren verließ, um sich in Paris niederzulassen, und Florencio Molina Campos hat wie kein anderer meisterhaft das Leben der Gauchos in der Pampa und die unendliche Weite ihres Horizonts porträtiert.

Benito Quinquela Martín – der Maler von “La Boca”

Benito.jpgIm romantischen Hafenviertel von Buenos Aires “La Boca”, das Tag für Tag Hunderte von Touristen mit seinem bunten Sträßchen “Caminito”, Tangoschauen, Straßenkünstlern und seinen mit originellen Souvenirs und Kunstwerken bestückten Märkten verzaubert, begegnet man dem “Maler von La Boca”, Benito Quinquela Martín, auf Schritt und Tritt. Bis heute einer der populärsten Künstler Argentiniens, prägte Quinquela Martín (1890-1977) mit seinem Lebenswerk das Gesicht des beliebten Hafenviertels entscheidend mit – allenthalben sieht man in den Straßen von ihm gestaltete Keramiken und Wandgemälde; verkaufen Künstler von ihm inspirierte Gemälde, und nicht zuletzt befindet sich das von ihm gegründete “Museo Quinquela Martín” mitten im Herzen von “La Boca”. Hier kann man nicht nur die beeindruckenden Gemälde des Künstlers selbst bewundern, die er seinem Viertel als Geschenk überreichte, sondern auch eine Sammlung von Werken anderer Künstler der “Boca”, die auf Quinquelas ausdrücklichen Wunsch mit in das Museum aufgenommen wurden.

Vom Waisenkind zum populären Künstler und Philanthropen

Die Geschichte des Benito Quinquela Martín rührt ans Herz. Am 20. März 1890 wurde das von seinen Eltern verlassene Kind von Ordensschwestern gefunden, die ihn auf den Namen Juan Benito Martín tauften und sein Alter auf ungefähr 20 Tage einschätzten. In der von einer starken Einwanderung und hoher Arbeitslosigkeit geprägten Zeit wurden bis zu drei Kinder pro Tag in Buenos Aires ausgesetzt, die meisten verbrachten ihr Leben im Waisenhaus oder starben jung. Der kleine Juan Benito lebte 7 1/2 Jahre im Waisenhaus – die Ordensschwestern gaben die Kinder erst mit sechs Jahren, also im arbeitsfähigen Alter, zur Adoption frei – und wurde dann von dem kinderlosen Ehepaar Manuel Chinchella und Justina Molino adoptiert. Mit 14 Jahren begann er zu arbeiten und besuchte abends eine Kunstschule.

Schon bald kristallisierte sich sein großes Talent heraus und er verlegte sich ganz auf das Studium der Malerei. Zunächst malte er Porträts der Menschen seines Viertels, bis er begann, sich seinen berühmten Hafenszenen zu widmen. Im Alter von 29 Jahren änderte er seinen Namen in Benito Quinquela Martín um. Die Güte, die er von seinen Adoptiveltern empfangen hatte, mit denen er bis an ihr Lebensende zusammenlebte, zahlte er später vielfach zurück: Er gründete eine Schule, einen Kindergarten, ein Haus, in dem Ammen ausgesetzte oder arme Kinder stillten, eine Kunstschule für Kinder und ein zahnärztliches Institut für die Armen. Er selbst hatte sein Leben lang unter seinen schlechten Zähnen gelitten.

Aus dem Vertrauten neue Welten schaffen

Benito Quinquela Martíns Gemälde lassen das Leben und die Atmosphäre des Hafenviertels – das Universum, von dem er umgeben war – unmittelbar auferstehen: die emsige Betriebsamkeit der Hafenarbeiter beim Be- und Entladen der Schiffe, die Arbeit in den umliegenden Gießereien oder Kohlefabriken, die Schiffe vor Anker oder in der Werft, die Kräne, Fluss- oder Hafenlandschaften zu den verschiedensten Tages- oder Nachtzeiten. Voller Farbenfreude, mit kräftigem Pinselstrich oder energisch aufgetragenem Spachtel, fing Quinquela Martín die Nuancen des Lichts, des Himmels, des Wassers, des Nebels, der Bewegungen und Energien seines Universums ein. “Hier fiel mir alles leicht”, schrieb er über das Thema seiner Malerei, “die Atmosphäre und die Dinge hatten sich über Jahre hinweg auf meiner Netzhaut eingebrannt, es gab nichts, was mir nicht vertraut gewesen wäre, ich wusste, wie sich jeder kleinste Muskel beim Beladen oder Entladen bewegte; alles ging wie von selbst, weil ich die Strukturen kannte.”

Xul Solar – Mystiker mit Wurzeln im Tigre-Delta und Palermo

xul22.jpg
Die Stadt als Symbol: “Ciudá y abismos” (1946) von Xul Solar.

Ein Universum für sich ist der argentinische Mystiker und Künstler Xul Solar. Sein Werk ist sicher das am schwersten zugängliche in der argentinischen Kunst, in seiner Komplexität und Rätselhaftigkeit am ehesten vergleichbar dem seines Freundes und weltberühmten Literaten Jorge Luis Borges. Dennoch findet man auch im Werk Xuls ständige Referenzen seiner Heimatstadt Buenos Aires, vor allem des malerischen Tigre-Deltas, wo er seine ersten Lebensjahre verbrachte und auch seine letzten – von 1956 bis zu seinem Tod im Jahre 1963. Xuls düstere, futuristische Berglandschaften mit endlosen Treppen und Leitern und in Kaminen verschwindenden Menschen, die er unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs malte, entlehnte er dem riesigen Gefängnisbau “Penitenciaría Nacional” im Stadtteil Palermo, in dem sein Vater viele Jahre als Ingenieur arbeitete. Die gelben Mauern des Gefängnis-Kolosses, der 1963 abgerissen wurde, hat das Werk vieler Künstler und Literaten inspiriert – u.a. auch die Geschichten von Don Isidro Parodi, der Kriminalfälle von einer Zelle dieser Gefängnisanstalt aus löste, die Borges und Adolfo Bioy Casares unter dem Pseudonym H. Bustos Domecq schrieben.

Ein Intellektueller seiner Zeit

Xul2.jpgXul Solar wurde 1887 in Buenos Aires als Oscar Agustín Alejandro Schulz Solari geboren. Er war einziges Kind eines lettischen Vaters und einer italienischen Mutter. Ein Architekturstudium brach er nach zwei Jahren ab, und er lernte das Geigenspiel. Wie viele junge argentinische Intellektuelle der Zeit, verbrachte Xul Solar viele Studienjahre in Europa. Von 1912-1924 hielt er sich in London, Paris, Mailand und München auf. Abgesehen vom Studium der Kunstgeschichte und dem Kontakt zur europäischen Avantgarde begann Xul, sich mit dem Werk Rudolf Steiners und des englischen Esoterikers Aleister Crowley zu beschäftigen. So galt sein Interesse schon früh nicht allein der Kunst, sondern den Religionen, der Metaphysik, der Mythologie und der Astrologie. Xul schuf fast ausschließlich Aquarelle, aber seine Arbeiten waren weit über die rein künstlerische Betätigung hinaus immer Ausdruck seiner Suche nach einer allumfassenden Wahrheit, seines Drangs, Verbindungen und Netzwerke herzustellen zwischen Sprachen, Völkern, Religionen und Anschauungen. Der Künstler, der acht Sprachen beherrschte, beschäftigte sich auch Zeit seines Lebens damit, neue linguistische Systeme zu entwickeln. Für sein „neocriollo”, das das Spanische, Portugiesische und Elemente der Indianersprache Guaraní verbindet, schuf er sogar eine Grammatik; für seine „panlengua”, die eine universelle Weltsprache werden sollte, fehlte ihm die Zeit. Xul war zudem Erfinder, er entwickelte Spiele und schuf Musikinstrumente und Marionetten.

Im Werk von Xul Solar wird das Gefängnis von Palermo zu einem Symbol neben vielen anderen – seinen Fahnen, Schlangen, Buchstaben oder Bändern – und verwandelt sich in Berge, die Bienenstöcken gleichen, vergitterte Fenster oder Türme. Seine Visionen von einer neuen, modernen Stadt drückt er in Bildern von der Großstadt Buenos Aires aus, die immer erkennbar ist – am ehesten in den letzten, farbenfrohen, optimistischen Aquarellen seines Lieblingsorts – des Tigre-Deltas, wo er bis zum letzten Atemzug in seiner Werkstatt seiner künstlerischen Arbeit und metaphysischen Suche nachging.

Antonio Seguí – exzellenter Porträtist der Stadt

segui2.jpg
Großstadtdschungel: “Paisaje urbano” (1998) von Antonio Seguí.

Jeder Künstler ist ein Sonderfall, aber Antonio Seguí, 1934 in Córdoba, Argentiniens zweitgrößter Stadt geboren und seit über 40 Jahren Bürger von Paris, ist ein Sonderfall der Sonderfälle. Wie gelingt es einem Künstler aus dem Landesinneren, wie kein zweiter das Großstadtleben der Hauptstadt zu porträtieren, wie kann ein so lange schon “im Exil” lebender Argentinier den argentinischen Großstadtmenschen auf so satirisch-liebevolle Weise darstellen, wie nur er es vermag? Man kann spekulieren, dass vielleicht gerade ein mit Seguís Sensibilität ausgestatteter “Außenstehender” dazu in der Lage ist, aber man muss auch der Tatsache Rechnung tragen, dass Seguís Kunst eine universelle ist – es ist “die Großstadt” an sich, die er malt, nicht unbedingt nur Buenos Aires (das Paris ohnehin sehr ähnelt), und “der Mensch” an sich, nicht unbedingt nur der “porteño” (Bewohner der Stadt Buenos Aires). Dennoch erkennt man in Seguís humorvoll-bösen, an Comics angelehnten Grafiken und Gemälden den aberwitzigen, hektischen Rhythmus der Stadt am Río de la Plata sofort, und die leicht verstaubte Ehrenhaftigkeit und Eitelkeit der “porteños”, deren fragile Identität Seguí als mit einem umso größeren Ego zugedeckt entlarvt.

Hassliebe und Ruhm

Antonio.jpgNur in der Großstadt Buenos Aires pulsiert das Leben des gigantischen Landes Argentinien, und dieses Leben ist ein gnadenloser, unerbittlicher Konkurrenzkampf. Antonio Seguí hat ihn am eigenen Leib erlebt, als er als junger Künstler, aus Córdoba kommend, in Buenos Aires sein Glück versuchte – wie so viele. Seitdem verbindet ihn eine Hassliebe mit dieser Stadt (die er im übrigen mit so manchem ihrer Bewohner teilt). Heute ist Antonio Seguí einer der erfolgreichsten argentinischen Künstler überhaupt. Im Mai 2005 hat ihm das renommierte “Centre Pompidou” in Paris eine umfassende Retrospektive gewidmet – die erste, die einem Argentinier zuteil geworden ist. Seiner Heimat Argentinien zeigte er seine Verbundenheit, als er dem Museum für Moderne Kunst von Buenos Aires im Jahr 2001 eine Sammlung von 300 Grafiken als Schenkung überreichte.

Florencio Molina Campos – Chronist der Pampa

Molina1.jpg
In vollem Galopp: Ein Werk von Florencio Molina Campos.

Der Künstler Florencio Molina Campos (1891-1959) hat mit seinen entzückenden, in den Bereich der Karikatur reichenden Darstellungen voller Liebe zum Detail und lichtdurchfluteter Energie wie kein zweiter das Leben auf dem Lande porträtiert, vor allem aber die Welt der Gauchos: ihre Reiterkunststücke, die Messerkämpfe oder das Truco-Spiel in der “Pulpería”, einem Treffpunkt, der Kneipe und Einkaufsladen zugleich war. Molina Campos’ Bilder schmückten seit 1931 über 15 Jahre lang die Kalender der Alpargatas-Schuhfabrik, mit denen er eine unvergleichliche Popularität erlangte – es waren 18 Millionen Exemplare von dieser “Pinakothek der Armen” im Umlauf, eine für die Epoche fast unvorstellbar hohe Zahl. Wenn man Glück hat, kann man auf dem berühmten Antik-Markt von San Telmo heute noch alte Alpargatas-Kalenderblätter mit den Abbildungen von Molina Campos erstehen. 1942 reiste Florencio Molina Campos in die USA, um mit Walt Disney einen auf seinen Zeichnungen basierenden Film zu produzieren. Im Museum Molina Campos kann man Fotos von Walt Disney und seinen Zeichnern in Argentinien bewundern, wohin sie extra reisten, um Florencio Molina Campos die Einladung zu überbringen.

Detailgetreuer Beobachter

molina2.jpgFlorencio Molina Campos verbrachte seine Kindheit zwischen Buenos Aires und den Ländereien seiner Eltern in der Provinz Buenos Aires und der Provinz Entre Ríos. In seinen Werken wird deutlich, welch unglaublich scharfer Beobachter er gewesen sein muss, denn jedes Detail in seinen Bildern ist bis ins letzte ausgearbeitet – die Kleidung der Gauchos, ihre Stiefel, ihre Waffen, das Zaumzeug der Pferde, Sättel, Steigbügel, usw. Das führt so weit, dass Molina Campos’ Werke bereits als historische Dokumente herangezogen werden. Das hervorstechendste Merkmal seiner Gemälde ist der tiefliegende Horizont, der nur etwa das untere Sechstel des Bildes ausmacht. Damit hat Molina Campos die unendlichen Himmel und die fast grenzenlos scheinende Weite der Pampa meisterhaft festgehalten. Dazu kommt seine Fähigkeit, Stimmungen zu schaffen – es ist vor allem die lebendige Dynamik seiner Werke, die diese so unverwechselbar macht.

Florencio Molina Campos malte ununterbrochen, weil er Spaß am Malen hatte, und wenn ihm das Material ausging, benutzte er sogar Ravioli-Kartons. Seine Bilder verkaufte er zu moderaten Preisen, es ging ihm nie darum, mit seiner Kunst reich zu werden. Zeit seines Lebens musste sich der Künstler den Vorwurf gefallen lassen, dass er Pferde im Galopp mit allen vier Hufen auf einmal in der Luft malte. Das sei unmöglich, wurde ihm gesagt. Er hielt dagegen, er male, was er sehe. Erst als die Technik etwas weiter vorangeschritten war, bekam Molina Campos recht: In der Zeitlupe im Film ist zu erkennen, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt im Galopp das Pferd den Boden mit keinem seiner Hufe berührt.

Adressen / Direcciones

A-Z von Galerien, Kulturzentren und Museen
A-Z de Galerías y Espacios de Arte, Centros Culturales y Museos

fortabat

Als Service für unsere Leser veröffentlichen wir im folgenden eine Übersicht mit Adressen der Galerien, Kulturzentren und Museen, die in den Ausstellungskalendern von “Kunst in Argentinien” erschienen sind. Ein Anspruch auf Vollständigkeit wird nicht erhoben. Wer in die Liste aufgenommen werden möchte, kann die entsprechende Information an kia@magicaweb.com schicken.
Como servicio para nuestros lectores publicamos aquí una selección de direcciones de las Galerías y Espacios de Arte, Centros Culturales y Museos que aparecieron en las agendas de muestras de “Arte en Argentina”. Quien quiera figurar en la lista, puede mandar la información correspondiente a kia@magicaweb.com.

Foto:
Das schöne Fortabat-Museum in Puerto Madero ist immer einen Besuch wert.
Vale la pena visitar el Museo Colección de Arte Amalia Lacroze de Fortabat en Puerto Madero.

A

  • Alberto Sendrós, Pasaje Tres Sargentos 359, Buenos Aires. Besuche nur nach Voranmeldung per Telefon oder E-Mail. Tel.: (54-11) 4312 0995/5915, info@albertosendros.com.
    Alberto Sendrós, Pasaje Tres Sargentos 359, Buenos Aires. Visitas deben ser solicitadas por teléfono o email con anticipación. Tel, (54-11) 4312 0995/5915, info@albertosendros.com.
  • Alejandra Perotti Galería de Arte, Freire 1101, Ecke Zabala, Colegiales, Buenos Aires. Mo-Fr 15-19.30 Uhr, Sa nach Verabredung, Tel.: (54-11) 4553-0923.
    Alejandra Perotti Galería de Arte, Freire 1101, esq. Zabala, Colegiales, Buenos Aires. Lun-Vie 15-19.30 hs, Sáb con cita previa, Tel. (54-11) 4553-0923.
  • Lesen Sie weiter / Seguir leyendo »