Kunst in Argentinien / Arte en Argentina

Archive for 14 Apr/Abr, 2007

Zwei Wochen Filmkunst pur

14/04/2007

Am Sonntag geht das 9. Festival des Unabhängigen Films von Buenos Aires (BAFICI) zu Ende

Von Susanne Franz

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Mit einem überwältigenden Zuspruch vor allem des jungen Publikums, das seit dem 3. April ein Angebot von 470 Filmen und ein exzellentes Musikprogramm in Anspruch genommen hat, geht das 9. Festival des Unabhängigen Films von Buenos Aires (BAFICI) an diesem Wochenende in den Endspurt. Im Offiziellen Internationalen sowie dem Argentinischen Wettbewerb und erstmals auch in der Sektion “Kino der Zukunft” werden die Preise vergeben - keine einfache Auswahl für die Jury bei der Qualität der Beiträge. Filmfans zeigten sich besonders von der Retrospektive der Filme Frank Zappas begeistert, lobten den mexikanischen Beitrag “Familia tortuga” im Offiziellen Wettbewerb und den deutschen Film “Yella” in der Sektion Panorama. In der argentinischen Presse fanden besonders die Dokumentarfilme große Beachtung.

Neben dem reinen Filmgenuss war das Festival, das sich immer mehr zu einem der bedeutendsten Südamerikas mausert, auch wieder ein Ort fruchtbarer Begegnungen zwischen Filmemachern und Produzenten aus dem In- und Ausland.

Wer sich dieses Wochenende noch ins Festivalleben stürzen möchte, findet das Programm auf der Webseite des Festivals.

Erschienen im “Argentinischen Tageblatt” vom 14.04.07.

Meisterklasse einer Musiklegende

14/04/2007

Tom Waits war der Stargast des BAFICI

Von Susanne Franz

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Mit vielen Anekdoten und Witzen würzte Tom Waits, Kultmusiker, Schauspieler und Komponist von Filmmusiken für über 50 Filme, seine Meisterklasse im Alvear-Theater am vergangenen Samstagabend. Nur rund 900 Fans kamen in den Genuss, den legendären Star zu sehen, dafür hatten sie seit Freitagnacht für die Gratis-Karten Schlange gestanden. Etwa 3000 weitere Menschen, denen keiner auch gegen harte Dollars seine Karte verkaufen wollte, verfolgten das Geschehen auf einer Großleinwand vor dem Theater.

Etwas grotesk gestaltete sich zunächst das Gespräch mit den Moderatoren. Martín Pérez wusste mehr über das Leben von Tom Waits als dieser selbst und stellte minutenlange Fragen, um mit seinem Wissen zu protzen. Darauf erzählte Waits von seiner Mutter, die ihm immer lang und breit erzählen würde, was sich gerade abgespielt habe. “Und dabei war ich die ganze Zeit dabei! Ich lasse sie reden, weil ich sie liebe, aber wir beide sind uns gerade erst begegnet!”

Das Thema der Meisterklasse, Musik im Kino, war eines von vielen im knapp anderthalbstündigen Gespräch: “Wenn einem Regisseur das Geld und die Ideen ausgegangen sind, dann ruft er dich an und fragt dich, ob du mit einem Song seinen Film retten kannst”, erklärte Waits die Motivation einiger Filmemacher, ihn in die Produktion einzubeziehen. Manchmal sei ihm das ganz gut gelungen.

Neben vielen witzigen Stories über seine Arbeit mit Francis Ford Coppola, Jim Jarmusch, Roberto Benigni, Sylvester Stallone, Jack Nicholson oder Frank Zappa nahm Waits, der mit einem 40er-Jahre-Anzug und Hut bekleidet war, auch zu aktuellen Themen Stellung: Ja, dass Keith Richards die Asche seines Vaters geschnupft hätte, habe er in der Zeitung gelesen. “Naja, es war ja nicht die Asche meines Vaters!”, meinte er lakonisch.

Über die Ankündigung von Jungstar Scarlett Johannson, dass sie eine CD mit Cover-Versionen seiner Lieder herausbringen wolle, sagte der 58-jährige Weltstar: “Ich habe früher mal richtig böse reagiert auf einige der Leute, die meine Lieder gecovert haben. Heute will ich nur noch höflich sein. So sage ich dann: ‘Die hat eben einen guten Geschmack!’”

Zum Abschluss setzte sich Tom Waits ans Klavier und beglückte seine Fans mit zwei Songs, “You Can Never Hold Back Spring” und “Tom Traubert’s Blues”, wofür er mit stehenden Ovationen gefeiert wurde.

Erschienen im “Argentinischen Tageblatt” vom 14.04.07.

Der Stummfilm als Droge

14/04/2007

“Brand upon the Brain!” von Guy Maddin war ein Highlight des BAFICI

Von Christina Liebl

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Mit einem außergewöhnlichen Kinoerlebnis begeisterte der kanadische Regisseur Guy Maddin am Dienstagabend das Publikum im Teatro Coliseo. “Brand upon the Brain!” hieß der Stummfilm, welcher bewusst auf moderne, technische Möglichkeiten verzichtet und dem Publikum so die Gelegenheit bietet, einen Einblick sowohl in die Geschichte des Kinos als auch in die Produktion eines modernen Films zu erhalten. Der Regisseur spaltete den Film in seine einzelnen “Zutaten” auf. Die auditiven Elemente wurden live im Saal produziert, wodurch die einzelnen Künstler sichtbar und neben den ablaufenden Bildern als Blickfang in Szene gesetzt wurden.

Der Film versetzte den Zuschauer in Zeiten zurück, als weder Farbe, noch Geräusche, Stimme oder Musik in den Film eingearbeitet werden konnten. Die Filmmusik wurde vor Ort vom Orchester des Colón-Theaters und dem Sänger Dov Houle beigetragen, während Geraldine Chaplin als Erzählstimme überzeugte. Außerdem sorgte ein Team von drei Foley-Künstlern für die untermalende Geräuschkulisse. Um die genaue Abstimmung zu gewährleisten, bediente sich der Regisseur jedoch moderner Technik, denn sowohl der Dirigent als auch die Geräuschkünstler waren mit Kopfhörern ausgestattet.

Schwarz, Weiß und Grautöne dominierten den Film und ließen viel Raum für Lichteffekte und die in der Tradition des Stummfilms stark ausgeprägte Mimik der Schauspieler. Nur für Sekunden blitzten farbige Einstellungen auf und unterstrichen so die Intensität des jeweiligen Gefühls. Immer wieder eingeschobene Texttafeln sorgten für einen ironischen Kommentar, die Verdeutlichung von Gefühlen oder zur Darstellung zentraler Gedanken.

Diese technischen Mittel nutzte Guy Maddin, um eine Geschichte in 12 Kapiteln, angefüllt mit schwierigen Thematiken, zu inszenieren: Ein Mann kehrt auf eine Insel zurück und stellt sich seinen Kindheitserinnerungen, in denen sich Fantastisches, kindliche Erfahrungen, der Inhalt von Büchern, Fiktion und Wirklichkeit mischen. Märchenhaft, unscharf und manchmal auch nicht logisch zu erklären sind die Vorgänge, die auf der Leinwand zu sehen sind. Dominant ist dabei die alles kontrollierende Mutter, die den kleinen Guy mit ihren Befehlen verfolgt. Liebe in allen Formen, Missbrauch und Abhängigkeiten, Kontrolle anderer Menschen werden mit ihren Auswirkungen angesprochen. In grausamer Detailtreue zeigt eine Szene, wie der Vater der Schwester, Sis, das Gehirn anzapft, um daraus einen “Nektar” zu gewinnen. Das Mädchen setzt sich zur Wehr und tötet den Vater. Die Wiederauferstehung des Vaters, der “verschobene” Selbstmord und die Wiedergeburt der Mutter lassen das Thema Tod zu einem ironischen Spiel werden.

Als Rahmenhandlung ist der erwachsen gewordene Guy zu sehen, der das Gebäude seiner Jugend symbolisch mit Farbe streicht und damit die Erinnerungen übertünchen will. Am Schluss steht das Fazit, dass das Gehirn eines jeden Erwachsenen von seinen Kindheitserlebnissen gebrandmarkt ist.

Das Publikum belohnte den Mut zum Experiment dieser einmaligen Kinoproduktion mit stehenden Ovationen.

Erschienen im “Argentinischen Tageblatt” vom 14.04.07.

Sehnsucht nach einem geordneten Leben

14/04/2007

“Die Unerzogenen” von Pia Marais trat als deutscher Beitrag im Offiziellen Internationalen Wettbewerb des BAFICI an

Von Christina Liebl

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Beim Offiziellen Internationalen Wettbewerb des BAFICI trat als deutscher Beitrag Pia Marais’ Film “Die Unerzogenen” an. Bereits bei anderen Filmfestspielen in Europa war dieser Streifen erfolgreich: So gewann der Film in Rotterdam einen Tiger als bester Film, und in Las Palmas auf den Kanarischen Inseln wurden die beiden weiblichen Hauptrollen als beste Darstellerinnen ausgezeichnet.

“Die Unerzogenen” zeigt das Leben eines jungen Mädchens, Stevie, in deren Familie die traditionellen Rollen vertauscht sind. Sie wächst mit Hippie-Eltern auf, die von einem Ort in Europa zum nächsten ziehen. Da es den Erwachsenen nicht gelingt, ihr eigenes Leben zu organisieren, ist es die Tochter, welche Verantwortung übernehmen muss, Streitereien der Eltern schlichtet und für ein Mindestmaß an Ordnung sorgt. Nach dem Tod des Großvaters erbt die Mutter ein Haus, in das sie gemeinsam mit den Freunden der Eltern einziehen. In dieser Kommune wird Stevie fast täglich mit Eifersucht, Betrug, Drogen und Gewalt konfrontiert. Sie selbst sehnt sich nach einem geordneten Leben mit Traditionen und nach Eltern, die einem ordentlichen Beruf nachgehen und für die sie sich nicht schämen muss.

In Deutschland findet Stevie schließlich Anschluss an eine Gruppe Gleichaltriger und schafft es, in eine Schule aufgenommen zu werden. Als die Eltern auch dieses Leben wieder hinter sich lassen wollen, entscheidet der Teenager, keine Verantwortung für das Leben der Erwachsenen zu übernehmen. Die Suche des jungen Mädchens nach Identität und Halt in einer Umwelt ohne Regeln und Orientierung wird durch die intensive Beschäftigung mit den einzelnen Charakteren eindrucksvoll herausgearbeitet.

Die in Südafrika geborene Regisseurin Pia Marais hat in diesem Film unter anderem eigene Erfahrungen aus ihrer Kindheit verarbeitet, da ihre Eltern ebenfalls Hippies gewesen seien. Trotzdem sei es nicht die Geschichte ihres Lebens, so Pia Marais bei einer an die Vorstellung anschließenden Fragerunde. “Außerdem lebe ich in Berlin, einer Stadt, in der die Menschen zwar älter werden, aber auf gewisse Weise auch jung bleiben.” Bei der Auswahl der Schauspieler sei es ihr besonders wichtig gewesen, dass diese ähnliche Erfahrungen in ihrer Vergangenheit gehabt hätten. Über die Zusammenarbeit mit der gerade mal 13-jährigen Hauptdarstellerin Ceci Chuh sagte die Regisseurin, sie habe durch eine freie Choreographie versucht, dem Mädchen die Möglichkeit zu geben, ihre eigenen Gefühle darzustellen und eigene Grenzen zu setzen. “Ceci hatte nie Angst und war immer neugierig.”

Erschienen im “Argentinischen Tageblatt” vom 14.04.07.