“Kino muss ins Leben wirken”

Der deutsche Regisseur Christoph Hochhäusler ist ein Allrounder – in Buenos Aires war er auf dem 15. BAFICI zu Gast

Von Jana Münkel


Er ist 1972 in München geboren, hat zunächst eine Weile Architektur in Berlin studiert und kam schließlich über Umwege zum Filmstudium an die HFF München: Christoph Hochhäusler ist Regisseur aus Leidenschaft, wird zu der sogenannten “Berliner Schule” gezählt und hat mit Filmen wie “Unter dir die Stadt” (D 2010) oder “Dreileben – Eine Minute dunkel” (D 2011) viel Aufmerksamkeit und Anerkennung geerntet. Mit diesen Filmen war er auch zum diesjährigen BAFICI (Buenos Aires Festival Internacional de Cine Independiente) eingeladen.

An dem sonnigen Freitagnachmittag des zweiten Festivaltages kommt er entspannt zum Auditorium “El Aleph” im Centro Cultural Recoleta geschlendert, um eine neue argentinische Filmzeitschrift vorzustellen – und wirkt überhaupt nicht wie jemand, der mit einer anstrengenden “Vierfachrolle” in Buenos Aires zu Gast ist. Der Regisseur weilt nämlich nicht nur in Argentinien, um Zeitschriften vorzustellen oder seine Filme zu zeigen, sondern ist ebenso Jurymitglied. Er wird alle Filme der Sektion “cine argentino” sehen und mit seinen Jurykollegen diskutieren, um den besten argentinischen Film zu küren. Darüber hinaus ist er im “TalentCampus” eingebunden, um jungen Filmemachern etwas von seinem Wissen weiterzugeben. Begleiten wir ihn also ein bisschen und erleben einen Nachmittag im Leben des vielbeschäftigten Festivalgasts.

Rebellisch auf dem Podium

Vor 15 Jahren ging Christoph Hochhäusler zusammen mit Kommilitonen der Filmhochschule München im wahrsten Sinne des Wortes auf Konfrontation und gründete die Kinozeitschrift “Revolver”. “Es war eine Art Notwehr und der Versuch, das, was uns interessiert, selber zu organisieren”, sagt er heute und beschreibt die Enttäuschung über die HFF und die Notwendigkeit der Zeitschrift als “Startpunkt für ein neues Wir”. Deshalb freut es ihn umso mehr, einer neuen argentinischen Zeitschrift im Rahmen des BAFICI Starthilfe zu leisten. “Las naves” erscheint in Kooperation mit Revolver und wird herausgegeben von Juliana Mortati und Hernán Rosselli.

Bei der Begrüßung der Podiumsgäste tut sich Moderator Roger Koza nicht ganz leicht mit der Aussprache von “Hochhäusler” – dieser nimmt’s mit Gelassenheit und einem Grinsen und es entwickelt sich eine rege Diskussion über das Kino im Allgemeinen und “las naves” im Besonderen. Es gibt einen direkten Austausch von Texten und Interviews zwischen “Revolver” und “las naves” und das wird deutlich in der ersten Ausgabe, zu der auch Hochhäusler ein kurzes Manifest beigesteuert hat.

Auf dem Podium entbrennt unterdessen eine hitzige Diskussion zwischen Hochhäusler und dem argentinischen Regisseur, Produzenten und Schauspieler Mariano Llinás. Letzterer prangert die “festivalgeile” Haltung junger Filmemacher an und beklagt ihre unpoetischen Filme, Hochhäusler dagegen springt für sie in die Bresche: “Man kann nicht von jedem ein ‚Kino der Götter‘ erwarten, das ist zu schwer für ihre Schultern!” Die schlagfertigen Wortwechsel sorgen für allgemeine Heiterkeit und die Übersetzerin kommt zeitweise gar nicht hinterher. Doch die beiden verstehen sich auch so, schließlich “vertragen” sie sich mit einem kräftigen Handschlag – der gilt in allen Sprachen!

Auf der Suche nach einem Gefühl

Eine lange Verschnaufpause hat Hochhäusler nach der Diskussion nicht, es geht direkt weiter zum Screening seines Films “Unter dir die Stadt” im Village Cines. Der Kinosaal ist gut gefüllt und das unterkühlte Bankerdrama aus der Chefetage einer Frankfurter Investmentbank wird begeistert aufgenommen; im Anschluss gibt es minutenlangen Applaus. Hochhäusler steht für ein “Questions and Answers” zur Verfügung und gibt bereitwillig Auskunft. Wie er an das Thema herangegangen sei, möchte eine Zuschauerin wissen. Er habe viele Interviews geführt, erzählt der Münchner, allerdings seien diese nur über Bekannte von Freunden zustande gekommen: “Von offizieller Seite war da keinerlei Kommunikation gewünscht.” Vor allem die wenigen weiblichen Bankerinnen hätten aufschlussreiche Dinge verraten.

Der Film entstand vor der Krise, “Ahnungen von einem Crash wurden aber schon geäußert. Mit einer Krise diesen Ausmaßes hatte allerdings keiner gerechnet.” Warum der Banker des Jahres im Film Drogenabhängigen beim Fixen zuschauen müsse, lautet die Frage eines anderen Festivalbesuchers. Jeder sei getrieben von der Sehnsucht, etwas Wirkliches zu spüren, so Hochhäusler. Realitäts-Feeling für die Abgehärteten also. Anschaulich vergleicht der Regisseur den Investmentbanker mit einem Bomberpiloten: “Auch der sieht nicht, wo seine Bombe niedergeht und was sie anrichtet.”

Festivalskepsis und Kino als soziale Praxis

Wenig später sitzt er, noch immer quietschfidel, in einem Büchercafé auf dem Festivalgelände und lässt sich mit weiteren (Interview-)fragen löchern. Mitten im Gespräch stürmt eine Filmzuschauerin herbei, um mit ihm noch weiter über seinen Film zu sprechen. Sie ist ganz aus dem Häuschen und er antwortet ihr geduldig – sogar auf Spanisch! “Das Publikum hier ist sehr interessiert am Kino und an der Debatte”, sagt Hochhäusler anerkennend mit einem kleinen Schmunzeln. Er freut sich, als Jurymitglied alle argentinischen Filme anzusehen, ist aber gleichzeitig überzeugter Festivalkritiker: “Ganz allgemein ist das Festivalsystem ja so eine Art Krankheit, die die Welt des Kinos befallen hat und alles auffrisst. Ich wünsche mir eigentlich ein Kino, das weit darüber hinausgeht.” Was für ihn dann Kino sei? “Erst einmal eine soziale Praxis. Man kommt zusammen, um Filme zu sehen.” Aber auch der Diskurs darüber sei unabdingbar, Kino müsse ins Leben wirken.

Christoph Hochhäusler nähert sich dem Film jedoch nicht nur in dieser fast philosophischen Art und Weise an, er beschäftigt sich selbstverständlich auch praktisch mit “seinem” Medium. Es liegt ihm am Herzen, seine Erkenntnisse auch mit jungem Regienachwuchs zu teilen; seine Vorbildfunktion nimmt er sehr ernst. Im Rahmen des “TalentCampus” auf dem BAFICI, zu dem junge südamerikanische Filmemacher eingeladen sind, referiert er in der Universidad del Cine über neue Möglichkeiten des Erzählens im Zeitalter des digitalen Wandels.

Hat er selber Vorbilder? “Ganz ganz viele”, lacht er und beginnt, aufzuzählen: “Luchino Visconti, Alfred Hitchcock, Max Ophüls, Orson Welles, John Ford, Francis Coppola, Lucrecia Martel…” Als Christoph Hochhäusler nach dem interessanten Gespräch davonschlendert, wirkt er noch immer nicht wie einer mit vollem Terminkalender. Dabei wartet doch bereits der nächste Empfang!

Foto
Fröhliche Präsentation der ersten Ausgabe von “las naves” (v.l.n.r.): C. Hochhäusler, H. Rosselli, N. Prividera, Moderator R. Koza, J. Mortati, M. Llinás, A. Di Tella.
(Foto: Roger Koza)

Un comentario sobre ““Kino muss ins Leben wirken””

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