Kulturelles Zentrum in Moisés Ville

Theater “Kadima” wurde vom Parlament der Provinz Santa Fe zum “historischen und kulturellen Erbe” erklärt

Von Marcus Christoph

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Das Theater “Kadima” von Moisés Ville ist vor wenigen Tagen worden. Diese Anerkennung bedeutet finanzielle Unterstützung seitens der Provinzregierung für den Fall, dass Instandhaltungsarbeiten durchgeführt werden müssen.

Das Theater “Kadima”, was auf Deutsch “Vorwärts” bedeutet, wurde 1929 mit einem Konzert der russischen Sopranistin Rita Kitena eingeweiht. Seitdem hat sich das Theater, das an der Plaza San Martín gelegen ist, zu einem kulturellen Zentrum der Region entwickelt. Bekannt ist die Einrichtung auch wegen ihrer guten Akustik und der Bibliothek “Baron Hirsch”, die sich ebenfalls in dem Gebäude befindet. Dort kann man auch Bücher in Deutsch, Jiddisch und Hebräisch bekommen.

1945, nach der Niederlage Nazi-Deutschlands, gab es im Theater “Kadima” ein großes Fest, an dem viele der aus Polen und Deutschland geflüchteten Juden teilnahmen.
Moisés Ville wurde bereits 1889 von osteuropäischen Juden gegründet, die mit dem Dampfschiff “Weser” in Argentinien ankamen. Der Ort wurde zu einem Zentrum der “jüdischen Gauchos” in Santa Fe. 2014 konnte das 125-jährige Bestehen mit einem großen Fest gefeiert werden.

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Das imposante Theater “Kadima” in Moisés Ville.
(Foto: Marcus Christoph)

Hinter verschlossene Türen blicken

Neue Edition von OPEN HOUSE Buenos Aires

Von Michaela Ehammer

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Nach London, New York, Wien, Melbourne, Dublin und vielen weiteren Metropolen rund um den Globus heißt es am 3. und 4. Dezember bereits zum vierten Mal für 48 Stunden: OPEN HOUSE Buenos Aires. Ein kultureller Genuss und eine einzigartige Möglichkeit für alle Neugierigen sowie Liebhaber der Architektur, über 90 versteckte und der Öffentlichkeit sonst nicht zugängliche emblematische Gebäude in der Stadt zu betreten und von einer neuen Perspektive zu bestaunen. Es öffnen sich nicht nur Türen, sondern auch Herzen, und es erschließen sich Teile der Geschichte von Buenos Aires.

Unter den zu besichtigenden Gebäuden sind in diesem Jahr unter anderem das “Edificio Comega”, das Teatro Colón, der Palacio Barolo, die Casa Scout, das “Edificio Bencich” oder die Biblioteca Nacional. Erstmals in diesem Jahr öffnen auch neue Häuser ihre Pforten, wie der “Torre Espacial” des Parque de la Ciudad, die “Cooperativa Vaya” von Fermín Bereterbide (1895-1979), die Bubble Studios (Fotostudio von Gaby Herbstein) und der Polo Científico y Tecnológico (die ehemaligen “Bodegas Giol”). Vier weitere simultan stattfindende Aktivitäten – Open Bici, Open Foto, Open Muro sowie Camina Buenos Aires – runden das umfangreiche Angebot ab. Auch für Kinder wird jede Menge an Spaß und Unterhaltung geboten.

Das Projekt Open House wurde 1992 in London ins Leben gerufen und hat sich seither zu einem Besuchermagneten in über 30 Städten weltweit etabliert. CoHabitar Urbano, eine Gruppe junger Architekten, Musiker, Dozenten und Fotografen, hat dieses kulturelle Highlight in Argentiniens Hauptstadt eingeführt – bislang ist es die einzige Stadt in Lateinamerika, die Open House bietet.

Die Besichtigung der architektonischen Schönheiten ist bei freiem Eintritt von 10 bis 14 Uhr sowie von 15 bis 19 Uhr möglich – da die Kontingente jedoch begrenzt sind, ist es unabdingbar, sich unter vorher anzumelden. Reservierungen – seit dem 15. November – hier.

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Auch im kulturellen Zentrum der katalanischen Gemeinschaft, dem Casal de Catalunya, kann man einen Blick hinter die Kulissen werfen.
(Foto: Pablo Corral)

Wenn Orte sprechen

Die deutsche Dokumentaressayistin Juliane Henrich war bei 16. Internationalen Dokumentarfilmfestival “Doc Buenos Aires”

Von Ivana Forster

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Eine ganze Woche widmete sich das Doc Buenos Aires zum 16. Mal dem Besten, was das Dokumentarkino derzeit zu bieten hat. Vom 20. bis zum 27. Oktober lud das Filmfestival nationale und internationale Künstler ein, ihre Werke zu präsentieren und diskutieren. Unter ihnen auch zwei deutsche – eine davon ist die 1983 geborene Juliane Henrich, die vom Goethe-Institut Buenos Aires eingeladen wurde. Die Filmemacherin lebt und arbeitet in Berlin und beschäftigt sich in ihren Dokumentationen besonders mit öffentlichen und privaten Räumen und Architektur.

Ivana Forster: Sie haben in Leipzig und Berlin Literarisches Schreiben und Kunst und Medien studiert. Da ist der eingeschlagene Karriereweg nicht abwegig. Gab es trotzdem ein ausschlaggebendes Ereignis, das zu genau diesem Beruf führte?

Juliane Henrich: Nein, eigentlich nicht. Ich habe zuerst Literarisches Schreiben studiert. Man könnte das eine Kunsthochschule für das Schreiben nennen. Die Ausbildung gibt es in Deutschland nur in Leipzig und Hildesheim. Aber dort habe ich gemerkt: Ich will nicht nur schreiben, sondern auch etwas mit Bildern machen. Ich bin dann nach Berlin gegangen, um Kunst und Medien als Filmstudiengang zu studieren. Seitdem mache ich Filme. Aber Text ist immer noch eine wichtige Referenz.

IFO: Sie sind in Solingen geboren, in Bielefeld aufgewachsen und haben im Osten studiert. Wie hat sich das auf Ihre Arbeit ausgewirkt?

JH: In meinem Film “Aus westlichen Richtungen” geht es eigentlich um den alten Westen – mit Perspektive auf die Teilung. Es geht vor allem um Architektur in Westdeutschland, die ich als Kind kannte und wahrgenommen habe und die mir dann im Kontrast sehr stark aufgefallen ist, als ich in Leipzig gelebt habe und meine Eltern im Westen besucht habe. Dort herrschte ein ganz anderer Architekturstil vor. Ich dachte, ich muss irgendetwas über das Gefühl machen, das mit dieser Architektur zusammenhängt. Nach und nach kamen dann andere Ideen dazu. Dass es eigentlich auch um die politischen Hintergründe geht.

IFO: Sie sagten einmal, dass Ihre Filme davon handeln, wie Orte sich verändern und neu schreiben. Inwiefern hat ein Ort in Ihrer Auffassung ein Eigenleben?

JH: Das kann man sich auch fragen. Und ich glaube, darum geht es auch. Es gibt bestimmte Atmosphären, die vielleicht mit der Geschichte eines Ortes zusammenhängen. Aber was ich damit meinte, waren vor allem die Definitionen, die Menschen Orten zuschreiben. Etwa, dass man einem Ort einen Namen gibt. Es gibt einen Kurzfilm namens “Schleifen”, in dem es um Orte geht, die abgerissen und an anderer Stelle wieder aufgebaut werden. In dem Zusammenhang fand ich spannend, ob ein Ort der gleiche ist, weil er genauso heißt und die gleichen Leute dort wohnen. In anderen Arbeiten geht es auch darum, dass sich auch der Westen als Definition im Laufe der Zeit verschiebt. Dieser ursprüngliche goldene Westen, den man vielleicht einmal vom Osten aus bewundert hat, der inzwischen doch sehr heruntergekommen und überhaupt nicht mehr glamourös aussieht.

IFO: Inwiefern prägen sich Architektur, öffentlicher Raum und Gesellschaft gegenseitig?

JH: Das ist eine der großen Fragen, die ich mir mit den Filmen stelle. Ich kann nicht genau sagen, wie, aber es passiert definitiv. Dass Menschen sich vielleicht anders verhalten in bestimmten Räumen und dass vieles, was man sich ausgedacht hat für die Architektur, was sie eigentlich sein soll, beispielsweise in westdeutschen Städten oft nicht funktioniert hat. Es vermittelt eher den Eindruck von Kälte. Ich glaube, manche Leute sehen das als reine Kritik an dieser Architektur. Für mich ist es aber auch mit Nostalgie verbunden.

IFO: In Ihren Filmen sind oft sehr wenige Personen zu sehen. Was macht für Sie den Reiz daran aus, Filme mit wenigen Menschen und vielen Standbildern zu drehen?

JH: Ich glaube, ich persönlich finde diese Strukturen am interessantesten – architektonische Strukturen und diese Überschneidungen von Altem und Neuem, das im Stadtbild gebaut ist. Menschen ziehen natürlich wahnsinnig viel Aufmerksamkeit auf sich, wenn sie im Bild sind. Beispielsweise in “Aus westlichen Richtungen” geht es auch um diese Atmosphäre der Anonymität und dass man das gar nicht so sehr in Bezug zum Menschen setzt.

IFO: Was ist Ihnen bisher in Buenos Aires aufgefallen, was Architektur und öffentlichen Raum angeht? Wäre es reizvoll, hier einmal zu drehen?

JH: Auf jeden Fall. Ich kenne die Stadt noch nicht so gut, ich bin erst vor wenigen Tagen angekommen und ein wenig herumgelaufen. Aber ich achte immer sehr stark auf Architektur und Stellen, an denen man sich fragt, warum die Stadt so gebaut ist. Alles ist in diesem Schachbrettmuster angelegt, das finde ich sehr interessant. Eigentlich müsste man denken, man findet sich besser zurecht. Aber ich verlaufe mich eher. Vielleicht ist mein Gehirn darauf eingestellt, dass es Kurven gibt. Ein Projekt hier würde mich definitiv reizen.

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Die Dokumentaressayistin Juliane Henrich.
(Privat)

BAFICI: Interview mit Karl-Heinz Klopf

“Mir ist nie langweilig”

Von Michaela Ehammer

bafici_interview2Der in Linz geborene und in Wien lebende Künstler und Filmemacher Karl-Heinz Klopf ist mit gleich sechs Filmen im BAFICI 2016 vertreten. Einen Teil seiner Leidenschaft widmet Klopf der Architektur. Vor zwei Jahren wurde bei der 16. Ausgabe des BAFICI sein Film “Towerhouse” gezeigt. In diesem Jahr ist er jedoch das erste Mal persönlich vor Ort mit dabei: als gefeierter Regisseur und als Juror in der Kategorie “Argentinische Kurzfilme”. Seine Arbeiten beschreibt der Österreicher weniger als spontan, sondern vielmehr als nachhaltig. Weltberühmt war er nie, doch Klopf hat sich in der Branche nicht nur einen Namen gemacht, er etabliert sich auch als Künstler auf diesem Markt. Sein steter Begleiter: Eine große Portion Neugier.

Frage: Warum hast du diesen Beruf gewählt?

Karl-Heinz: Nach dem Studium bin ich in ein großes Loch gefallen und hab mir gedacht: Was mach ich jetzt? Künstlerisch angehaucht und die Leidenschaft zur Architektur ist dann eins ins andere geflossen. Ich habe mir gedacht, es wäre einmal interessant, Architektur vom künstlerischen Aspekt zu sehen. Da ich immer schon gerne und viel gereist bin, vor allem in Städten wie Tokio oder New York City, ist mein Beruf halt irgendwie so entstanden. Zu meinem Begeistern, denn langweilig ist mir nie (lacht).

Frage: Deine Hauptaugenmerke liegen auf Zeichnung, Video, Fotografie, Installationen und Projekten für Architektur und Urbanismus – wie würdest du dich selber bezeichnen?

Karl-Heinz: Ganz einfach als Künstler. Für mich ist in der Kunst nicht eine spezielle Richtung wichtig, ich setze meine Interessen in verschiedenen Medien um. Zeichnungen, Fotografien und Filme – das alles ist ja auch irgendwie miteinander verbunden.

Frage: In deinen Filmen spiegeln sich überwiegend Aspekte aus dem asiatischen Raum wider – warum?

Karl-Heinz: (schmunzelt): Die zeitgenössische sowie die alte Architektur von Japan, speziell von Tokio, interessieren mich schon seit langem. Ich glaube, da liegt die Zukunft der Architektur. Durch mein erworbenes Stipendium in Tokio bin ich dann auch sozial in diese Kultur eingetaucht. Wie die Menschen die Stadt benutzen, um auf engstem Raum zu leben, war einfach faszinierend für mich. So ist 1996 auch mein Film “Splace” entstanden.

Frage: Was zeichnet deine Architektur-Filme aus?

Karl-Heinz: Ich kenne viele Architekturfilme, aber die meisten langweilen mich ehrlich gesagt. Viele sind zwar aufschlussreich im Detail, aber das Künstlerische fehlt. In meinen Filmen versuche ich die Geschichten und Familien, die hinter dem Gebäude stehen, zu erfassen und aufzuzeigen. Vor meinem Studium an der Hochschule für künstlerische und industrielle Gestaltung Linz habe ich den Zweig Hochbau an der Höheren Technischen Lehranstalt besucht. Dies hat bestimmt auch Einfluss auf mein Gesehenes. Das Wichtigste für mich ist: Ein Film muss als Film interessieren.

Frage: Dein neuester Film “A Tropical House” feierte in Buenos Aires Weltpremiere – was fühlst du selber, wenn du mit anderen Leuten deinen Film im Kino siehst?

Karl-Heinz: Also den Film habe ich selber ja schon oft gesehen, aber es ist schon etwas ganz anderes natürlich, seinen Film in so großer Projektion mit Ton und so im Kino anzuschauen. In Österreich wird er dann am 23. April auf dem “Crossing Europe Film Festival” in Linz gezeigt

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Fotos von oben nach unten:

Karl-Heinz Klopf.

Eine Szene aus “A Tropical House”.

Ein Palast für die Kultur

“Centro Cultural Kirchner” in Buenos Aires eingeweiht

Von Marcus Christoph

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Personenkult auf Argentinisch: Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner weihte vor wenigen Tagen in Buenos Aires das größte Kulturzentrum Lateinamerikas ein, das den Namen der Präsidentenfamilie trägt. Das “Centro Cultural Kirchner” (Kirchner-Kulturzentrum) ist in den vergangenen sechs Jahren im umgestalteten ehemaligen Hauptpostamt entstanden. Auf einer Fläche von 116.000 Quadratmetern soll es ein Forum für Musik, Theater und Malerei sein. Es misst sich mit anderen großen Kulturzentren der Welt wie dem Centre Pompidou in Paris, dem Lincoln Center in New York, dem Barbican Centre in London oder dem Tokyo International Forum.

orgelHerzstück ist ein moderner Konzertsaal, der aufgrund seiner Form und Farbe “Ballena Azul” (Blauer Wal) genannt wird. Hier finden 1750 Zuschauer Platz. Der Raum wird dominiert von einer großen Orgel, die von der deutschen Firma Klais angefertigt wurde. In dem Saal wird das Nationale Symphonieorchester seinen Sitz haben. Ein weiterer Saal für Kammermusik mit einem Fassungsvermögen von 600 Personen befindet sich im Untergeschoss.

Architektonisch interessant ist auch der “Gran Lámpara” (Große Leuchte) genannte gläserne Bereich: Es handelt sich um eine Hängekonstruktion, die an der Decke befestigt ist und über dem großen Konzertsaal “schwebt”. Dort wird derzeit noch an Räumen gearbeitet, die für Kunstausstellungen aller Art genutzt werden können. Überhaupt wird auf vielen Etagen derzeit noch gebaut.

Insgesamt zählt das Kirchner-Kulturzentrum mehr als 40 Säle und Räume für verschiedenste kulturelle Zwecke. “Es gibt Kunst in allen Facetten”, erläuterte Kulturministerin Teresa Parodi. Alle Veranstaltungen seien für die Bürger kostenfrei, unterstrich die berühmte Sängerin. Denn: “Die Kultur gehört dem Volk.”

Die Idee zu dem Kulturzentrum stammt vom damaligen Präsidenten Néstor Kirchner, der vor gut zehn Jahren einen Wettbewerb zur Renovierung und Umgestaltung des monumentalen Gebäudes in Hafennähe initiierte. Damals stand der 1928 eingeweihte Bau bereits einige Jahre leer, da die Post ihn nicht mehr benötigte.

Es dauerte bis 2009, ehe der Wettbewerb abgeschlossen war und mit den Arbeiten begonnen werden konnte. Ursprünglich war geplant, das entstehende Kulturzentrum anlässlich der 200 Jahr-Feier Argentiniens im Jahr 2010 “Centro Cultural del Bicentenario” zu nennen. Doch 2012 beschloss der Kongress, dem Komplex den Namen des zwei Jahre zuvor verstorbenen Néstor Kirchner zu geben.

k-saalDem Namensgeber ist auch ein eigener Raum gewidmet, in dem persönliche Erinnerungen an den Ex-Präsidenten sowie ein Landschaftspanorama aus Kirchners patagonischer Heimat zu sehen sind. Gekrönt wird das Gebäude von einer Glaskuppel, von der aus man einen beeindruckenden Blick über das Hafenviertel und den Río de la Plata hat.

Die Kosten für das Kulturzentrum betrugen nach Angaben von Planungsminister Julio de Vido 2,1 Milliarden Pesos. Das Projekt zeige, welche Bedeutung die Kultur im zurückliegenden Jahrzehnt gewonnen habe, so der Minister. Ziel sei es, dass das Gebäude jeden Tag voller Menschen sei. Der Kulturpalast sei für das ganze Volk bestimmt, meinte De Vido, der ein langjähriger politischer Weggefährte der Kirchners ist.

Fotos von oben nach unten:

Die Kuppel.

Der “Ballena Azul” genannte Konzertsaal mit der von einer deutschen Firma hergestellten Orgel.

Der Kirchner-Raum.
(Fotos: Marcus Christoph)