“Werkzeug gegen Ungerechtigkeit”

Osvaldo Bayer präsentiert sein neues Buch “La Chispa”

Von Marcus Christoph


Das Interesse war groß. Die Schlange derjenigen, die eine persönliche Widmung des Autors haben wollten, schien kein Ende nehmen zu wollen: Osvaldo Bayer war mit seinen 90 Jahren noch einmal richtig gefordert bei der Vorstellung seines neuen Buches “La Chispa” (Der Funke), die am Sonnabend vergangener Woche im Gebäude der Gewerkschaft der Telekommunikationsarbeiter (FOETRA) im Buenos-Aires-Stadtteil Once stattfand.

Das Buch bezieht sich auf die gleichnamige Zeitung, die Bayer 1958 im patagonischen Esquel (Provinz Chubut) ins Leben rief. Während ihrer nur fünfmonatigen Existenz prangerte die Publikation soziale Missstände an. Sie attackierte die Großgrundbesitzer und berichtete detailliert über Landraub durch Geschäftsleute und Politiker zu Lasten der Urbevölkerung im Bezirk Cushamen. Bayer kritisierte zudem die wirtschaftsliberale Politik des damaligen Präsidenten Arturo Frondizi. In die Zeit von “La Chispa” fällt der Sieg der kubanischen Revolution, die von Bayer begrüßt wurde.

Bayer, der zuvor in Buenos Aires und Hamburg Geschichte und Philosophie studiert hatte, war nach Esquel gekommen, da er eine Anstellung bei der dortigen Lokalzeitung gefunden hatte. Wegen seiner sozialkritischen Texte wurde er jedoch entlassen und gründete mit “La Chispa” seine eigene Publikation. Sein journalistisches Schaffen hatte schließlich die Ausweisung aus der Provinz Chubut zur Folge. Zurück in Buenos Aires arbeitete Bayer dann als politischer Redakteur bei der Zeitung “Clarín”.

Breitere Bekanntheit erlangte er durch sein Buch “Patagonia Rebelde”, das den Aufstand patagonischer Landarbeiter um 1920 und dessen blutige Niederschlagung durch das Militär zum Thema hat. 1974 wurde das Werk durch Filmregisseur Héctor Olivera verfilmt. 1976 ging Bayer ins Exil nach Deutschland, von wo er 1983 nach Argentinien zurückkehrte.

In dem vorliegenden Buch sind ausgewählte Artikel Bayers gebündelt, die damals in “La Chispa” abgedruckt wurden. Zudem erläutern Texte von Kurator Bruno Nápoli und Verleger Ariel Pennisi den historischen Kontext. “Die Themen von damals wie Landraub und Ausbeutung sind auch heute noch aktuell”, begründet der Historiker Nápoli während des Podiumsgesprächs, weshalb die fast 60 Jahre alten Texte weiterhin interessant seien.

“Bei ‘La Chispa’ hat Osvaldo seinen Stil gefunden: direkt und verständlich für alle”, beschreibt Esteban Bayer, Osvaldo Bayers dritter Sohn, der selbst Journalist geworden ist und heute in Deutschland lebt. Verleger Pennisi bezeichnete “La Chispa” als Bayers “Werkzeug im Kampf gegen Ungerechtigkeit”. Mit seinem couragierten Einsatz für die Benachteiligten stelle Osvaldo Bayer eine “feste Koordinate für unser heutiges Schaffen” dar. Florencia Podestá, Dozentin für Kommunikation an der Nationaluniversität von Avellaneda, würdigte “La Chispa” als Beispiel für einen engagierten Journalismus, der der Wahrheit verpflichtet sei.

Schließlich ergriff auch Bayer selbst das Wort. Es müsse der Anspruch journalistischer Arbeit sein, dass sich die Wahrheit durchsetze. Das gelte damals wie heute. Er schloss seine kurze Ansprache mit einem Hoch auf die Freiheit, ehe er bei der anschließenden Autogrammstunde Schwerstarbeit zu verrichten hatte.

Foto:
Osvaldo Bayer beim Signieren der Bücher. Rechts sein Sohn Esteban, links von ihm Bruno Nápoli, der die Texte für das Buch zusammenstellte.
(Foto: Marcus Christoph)

Hommage an Rodolfo Walsh

Nationalbibliothek in Buenos Aires erinnert mit Ausstellung an den Journalisten

Von Marcus Christoph


Er gilt als Begründer des investigativen Journalismus: Rodolfo Walsh. Vor 40 Jahren, am 25. März 1977, wurde der kritische Journalist und Schriftsteller von Schergen der Militärdiktatur auf offener Straße in Buenos Aires erschossen. In der Nationalbibliothek in Buenos Aires erinnert in diesen Wochen die Ausstellung “Los oficios de la palabra” (Das Handwerk des Wortes) an Walsh.

Dargestellt wird das Werk des Autors in allen seinen Facetten. Beispielsweise Materialien und Manuskripte für Bücher wie “¿Quién mató a Rosendo?” (Wer erschoss Rosendo G.?), in dem Walsh über den Mord an dem Gewerkschaftsführer Rosendo García im Jahr 1966 schreibt.

Eine nachgestellte Müllkippe in einem Gang der Ausstellung erinnert an die Erschießungen auf der Müllhalde in José León Suárez (Provinz Buenos Aires) in der Nacht des 9. Juni 1956, veranlasst durch die damalige Militärregierung von Pedro Aramburu. Walsh traf einen Überlebenden des Massakers und begann zu recherchieren. Das daraus resultierende Werk “Operación Masacre” wurde zu einem Meilenstein der lateinamerikanischen Literatur und zu einem Vorläufer des New Journalism, der sich in den USA entwickelte. 1972 wurde “Operación Masacre” von Jorge Cedrón verfilmt. Am Drehbuch wirkte Walsh mit. Auf einer Wandprojektion kann man den Film in der Ausstellung sehen.

Walsh wirkte auch außerhalb von Argentinien. 1959 gründete er mit anderen Kollegen im revolutionären Kuba die Nachrichtenagentur “Prensa Latina” mit. Später kehrte er in sein Heimatland zurück und schrieb für die Zeitschriften “Primera Plana” und “Panorama”. 1973 schloss er sich der Guerrillabewegung “Montoneros” an, die er aber zwei Jahre später wieder verließ.

Nach dem Staatsstreich der Militärs 1976 gründete Walsh das Informationsnetzwerk ANCLA. Am 24. März 1977 verfasste er seinen “Offenen Brief eines Schriftstellers an die Militärjunta”, in dem er die Verbrechen des Militärregimes anprangerte. Diesen sandte er an argentinische Tageszeitungen und Auslandskorrespondenten. Die Machthaber veranlassten daraufhin die Verhaftung des Autors. Als dieser sich widersetzte, kam es zu einem Schusswechsel, bei dem Walsh ums Leben kam. Dies ereignete sich an der Straßenecke San Juan und Entre Ríos. Die dort befindliche U-Bahnstation der Linie E trägt heute den Namen “Entre Ríos – Rodolfo Walsh”.

Die Ausstellung in der Nationalbibliothek (Aguero 2502) ist noch bis Juli 2017 montags bis freitags von 9 bis 21 Uhr sowie sonnabends und sonntags von 12 bis 19 Uhr zu sehen.

Warte, warte nur ein Weilchen

Hamburger Kunsthalle zeigt Ausstellung “WARTEN. Zwischen Macht und Möglichkeit”

Von Nicole Büsing & Heiko Klaas


Fünf Minuten, zehn Minuten, eine Viertelstunde. Warten gehört zum Alltag. Egal ob im Feierabendstau, an der Bushaltestelle, beim Check-in am Flughafen oder – der Klassiker – beim Hausarzt im Wartezimmer voller schniefender und dauerhustender Patienten. Wir alle kennen dieses enervierende Gefühl, diesen unproduktiven Zwischenzustand im minutiös durchgetakteten Tagesablauf.

Doch halt: Bedeutet Warten wirklich immer nur etwas Negatives? Lässt sich der vermeintliche Zeitverlust nicht auch produktiv oder kreativ nutzen? “Wer es aushalten kann, zu warten, der gewinnt immer!”, diese Erkenntnis gab schon Robert Musil seinem “Mann ohne Eigenschaften” mit auf den Weg.

Die Galerie der Gegenwart in der Hamburger Kunsthalle geht dem ambivalenten Phänomen des Wartens jetzt genauer auf den Grund. 23 internationale Künstler präsentieren in der groß angelegten Ausstellung “WARTEN. Zwischen Macht und Möglichkeit” Videoarbeiten, Installationen, Skulpturen, Fotografien und Performances zum Thema.

Brigitte Kölle, die Kuratorin der Schau, will mit ihrer Auswahl aber auch zeigen, dass es sich durchaus lohnen kann, sich dem Warten wieder ganz bewusst auszusetzen: “Geduld und Langmut geraten in unserer Zeit, in der alles jederzeit und überall verfügbar erscheint, vermehrt aus dem Blick. Pausenfüllender Konsum und der minütliche Kontrollblick aufs Smartphone vertreiben das Warten und damit auch eine mögliche Zeit der Reflexion und des Bei-Sich-Seins.”

Genau das scheinen sich auch die unter einer Autobahnbrücke in Nigeria verharrenden Ölarbeiter in einer Videoinstallation des Belgiers David Claerbout zu Herzen zu nehmen. Einen kurzen, aber heftigen Regenschauer nutzen sie, um sich mit ihren Sinnen ganz dem Naturereignis auszusetzen.

Was gibt es noch zu sehen? Gleich im Lichthof der Galerie der Gegenwart hat das dänisch-norwegische Künstlerduo Elmgreen & Dragset ein Rollgerüst aufgebaut. Oben drauf sitzt ein barfüßiger blonder Junge mit Jeans und Kapuzenjacke, neben sich eine Cola-Dose. Seine Turnschuhe liegen auf dem Boden. Worauf wartet er? Auf das Heranwachsen, die Erkenntnis der Welt? Oder nur auf seine Kumpel, die gleich um die Ecke biegen?

Der Düsseldorfer Fotograf Andreas Gursky ist mit vier Aufnahmen aus seiner frühen Serie “Pförtner” (1982-1987) vertreten. Gursky porträtiert hier Empfangsmitarbeiter in den Respekt einflößenden Lobbys von Industrieunternehmen und Versicherungskonzernen. In ihrer statuarischen Ernsthaftigkeit erinnern sie an den unerbittlichen Wächter aus Franz Kafkas Türhüter-Parabel “Vor dem Gesetz”.

Dass uns das Warten, insbesondere an Bushaltestellen, immer wieder heimsucht, stellen gleich mehrere Künstler unter Beweis. Von der Berliner Fotografin Ursula Schulz-Dornburg sind Schwarz-Weiß-Aufnahmen von modernistischen Bushalte-stellen in Armenien zu sehen – im Überschwang sozialistischer Utopien haben die Architekten ihrer Phantasie und dem Sichtbeton hier freien Lauf gelassen.

Gleich gegenüber der Kunsthalle auf dem Glockengießerwall hat Michael Sailstorfer ein Wartehäuschen der besonderen Art aufgebaut: Der ursprünglich aus dem ländlichen Bayern stammende Künstler transferiert eine ausgediente Bushaltestelle aus seiner Heimat nach Hamburg und richtet sie mit dem Nötigsten ein: Bett, Küche, Wasser, Strom und WC – genau die richtige Grundausstattung, falls der Bus dann doch mal später kommt.

Wundern sollten sich Besucher der Hamburger Kunsthalle in den nächsten Monaten auch dann nicht, wenn sie hier und da auf eine sich plötzlich bildende Warteschlange stoßen: Der slowakische Konzeptkünstler Roman Ondák erzeugt mit unangekündigten Performances beim Betrachter Neugier, aber auch das nagende Gefühl, von etwas ausgeschlossen zu sein.

Auch wenn es dem Einzelnen gelingen mag, das Warten hin und wieder als kreative Auszeit zu nutzen – am Ende spiegelt es immer auch gesellschaftliche Machtverhältnisse wider. Eine ernüchternde Erkenntnis von Brigitte Kölle lautet denn auch: “Privilegierte und Menschen mit Macht warten nicht; sie lassen warten.”

  • Ausstellung: WARTEN. Zwischen Macht und Möglichkeit
  • Ort: Hamburger Kunsthalle, Galerie der Gegenwart
  • Zeit: 17. Februar bis 18. Juni 2017. Di-So 10-18 Uhr. Do 10-21 Uhr
  • Katalog: zu dieser Ausstellung erscheint keine Publikation
  • Internet

Fotos von oben nach unten:
Tobias Zielony (*1973), “Lee + Chunk”, 2000.
(Zielony)

Ursula Schulz-Dornburg (*1938), “Erevan-Parakar”, 2004.
(Schulz-Dornburg)

Roman Ondak (*1966), “Good Feelings in Good Times”, inszenierte Warteschlange, 2003.
(Tate/Riechers)

Gedenken an einen vergessenen Helden

Ausstellung “Carl Lutz y la Casa de Cristal” in Buenos Aires

Von Hannah Schultheiß


In diesem Jahr präsentiert sich die Schweiz stolz als Präsidentin der “Internacional Holocaust Rememberance Alliance” (IHRA). Die internationale Organisation hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Holocaust in Bildung und Forschung zu etablieren sowie in Erinnerung zu behalten.

1998 in Schweden gegründet, zählt die Organisation heute 31 Mitgliedsstaaten. Diese verpflichten sich durch ihre Mitgliedschaft zum Kampf gegen Genozid, Rassismus und Antisemitismus. Die Präsidentschaft der Organisation rotiert jährlich, das Land welche diese innehat, ist verantwortlich für die Organisation und generelle Aktivitäten.

Die Schweiz hat drei Schwerpunkte ihrer diesjährigen Präsidentschaft gesetzt: Bildung, Jugend und soziale Medien. In diesem Rahmen wird am kommenden Mittwoch, den 15. März, in Buenos Aires die Ausstellung “Carl Lutz y la Casa de Cristal” eröffnet. Doch wer war dieser Carl Lutz eigentlich?

Außergewöhnliches Engagement

Im zweiten Weltkrieg war Lutz Vizekonsul der Schweizer Botschaft in Budapest. Er arbeitete ein System des diplomatischen Schutzes aus und rettete so – gemeinsam mit seiner Frau und weiteren Helfern – tausenden Juden das Leben.

In schwierigen Verhandlungen mit den Nazis und der ungarischen Regierung schaffte er es, tausende Passierscheine zu bekommen und erleichterte so vielen Juden die Flucht aus dem Land. Außerdem errichtete er 76 sichere Häuser in Budapest und befreite Juden aus Konzentrationslagern.

1965 wurde Carl Lutz dafür mit dem Titel “Gerechter unter den Völkern” ausgezeichnet. Dieser israelische Ehrentitel wird an nichtjüdische Einzelpersonen verliehen, die unter nationalsozialistischer Herrschaft während des Zweiten Weltkriegs ihr Leben einsetzten, um Juden vor der Ermordung zu retten.

Insgesamt bewahrte Lutz so 62.000 Juden vor dem Tod, fast die Hälfte aller ungarischen Überlebenden. Über die Zeit geriet er in Vergessenheit, erst in den vergangenen Jahren rückte er dank seiner Adoptivtochter Agnes Hirschi wieder in das Licht der Öffentlichkeit.

Argentinien und die IHRA

Seit 2006 ist Argentinien, als einziges Land Lateinamerikas, Mitglied der IHRA. 250.000 Juden leben hier, und Buenos Aires ist die Stadt mit dem zweitgrößten jüdischen Anteil außerhalb Israels. Deshalb ist die Bedeutung, den Holocaust in die Bildung zu integieren, hierzulande sehr groß. Die neuen Generationen sollen früh lernen, die Warnzeichen zu erkennen und Antisemitismus schon im Keim zu ersticken.

Daher widmet sich auch die Juristische Fakultät der Universidad de Buenos Aires (UBA) gemeinsam mit dem Institut René Cassin aus Straßburg der Lehre der Menschenrechte – mit dem Hintergrund der Mitgliedschaft bei der IHRA und den Schwerpunkten Jugend und Bildung.

Die Ausstellung “Carl Lutz y la Casa de Cristal”

Die Ausstellungseröffnung findet am 15. März um 18 Uhr im “Salón Rojo” der Facultad de Derecho (Av. Figueroa Alcorta 2263) statt. Dabei werden unter anderem die Dekanin der Juristischen Fakultät, Mónica Pinto, der Schweizer Botschafter Hanspeter Mock und Agnes Hirschi, Lutz‘ Adoptivtochter, zu Wort kommen.

In der Halle “Pasos Perdidos” im Erdgeschoss der Rechtsfakultät ist “Carl Lutz y la Casa de Cristal” dann bis zum 29. März zu sehen. Der Eintritt ist frei.

Im Anschluss soll die Exposition als Wanderausstellung noch in anderen Orten Argentiniens gezeigt werden.

Foto:
Der Retter Carl Lutz war lange in Vergessenheit geraten.
(Schweizer Botschaft)

90 Jahre Osvaldo Bayer

Menschenrechtsaktivist feiert Geburtstag

Von Marcus Christoph


Große Feier für Osvaldo Bayer: Zahlreiche Anhänger, Freunde und Familienangehörige des Schriftstellers und Journalisten hatten sich am Sonnabend auf der Plaza Alberti im Buenos Aires-Stadtteil Belgrano eingefunden, um mit dem Jubilar zusammen dessen 90. Geburtstag zu feiern. Mit Worten, Livemusik sowie einem Video würdigten die Teilnehmer den Menschenrechtsaktivisten und dessen Lebenswerk.

“Es ist ein sehr glücklicher Tag für mich”, brachte Bayer seine Freude über den Verlauf der Veranstaltung zum Ausdruck, die in unmittelbarer Nähe zu seinem Haus an der Straße “Arcos” stattfand. Treffen im Geiste von Solidarität und Freundschaft sollte es häufiger geben, meinte der Jubilar. Er machte sich in seiner Ansprache für eine progressive Politik stark, die den Grundsätzen von Freiheit und Gleichberechtigung verpflichtet sei.

Bayer, der am 18. Februar 1927 in Santa Fe zur Welt kam, entstammt einer Familie mit österreichischen Wurzeln. Er studierte Geschichte und Philosophie in Buenos Aires und Hamburg. Später arbeitete er lange Jahre als Journalist, unter anderem als politischer Redakteur der Zeitung “Clarín”.{

Breitere Bekanntheit erlangte er durch sein Buch “Patagonia Rebelde”, das den Aufstand patagonischer Landarbeiter um 1920 und dessen blutige Niederschlagung durch das Militär zum Thema hat. 1974 wurde das Werk durch Filmregisseur Héctor Olivera verfilmt. Zudem verfasste Bayer Biographien über die Anarchisten Severino Di Giovanni und Simón Radowitzky.

Als die Militärdiktatur begann, sah Bayer sich gezwungen, Argentinien zu verlassen. Mit Hilfe der bundesdeutschen Botschaft gelang es ihm, nach Deutschland auszureisen, wo er die kommenden Jahre im Exil verbrachte. Nach Ende der Diktatur kehrte er in sein Heimatland zurück, wo er sich wieder publizistisch betätigt. Sein besonderes Engagement gilt dabei den indigenen Bevölkerungsgruppen.

Das Programm der Geburtstagsfeier reflektierte das Schaffen des Jubilars: Das Quinteto Negro brachte Tangostücke mit Texten Bayers zu Gehör. Die Gruppe “Arbolito” mit einem Bayer gewidmeten Stück, der Charango-Spieler Jaime Torres und der Chor der Gedenkstätte Ex-ESMA vervollständigten den musikalischen Rahmen. Bayers Tochter Ana hatte zudem ein Video gestaltet, das die wichtigsten Stationen im Leben ihres Vaters Revue passieren ließ. Dabei waren auch Sequenzen von Bayers Exil in West-Berlin zu sehen. Für die Familie dankte Esteban Bayer, der dritte Sohn des Jubilars, den Anwesenden für die Ehrerweisungen, die seinem Vater zuteil wurden. Esteban Bayer, selbst Journalist, war aus Deutschland mit seiner Familie für die Feier angereist.

Bemerkenswert auch der Abschluss des Festes: Zahlreiche Teilnehmer begleiteten den Jubilar die gut 200 Meter bis zu dessen Haus, in das sich der 90-Jährige schließlich unter Jubel und Hochrufen zurückzog.


Fotos von oben nach unten:
Osvaldo Bayer (M.) bei seiner Geburtstagsfeier auf der Plaza Alberti.

Osvaldo Bayer auf dem Heimweg. Hinter ihm sein Sohn Esteban.
(Fotos: Marcus Christoph)

Flucht und Heimat

Projekt “Wohin?” des Goethe-Instituts auf Deutsch und Spanisch

Von Susanne Franz

fluechtlinge
Für den spanischen Schriftsteller und Übersetzer Ibon Zubiaur bedeutet der Begriff Flüchtling “eine Person (…), die außerhalb ihres Landes Zuflucht gesucht hat, weil ihr das Leben dort unmöglich geworden ist”. Amal Saqr, Journalistin aus dem Iran, sagt auf die Frage, ob sie Flucht vor Armut für weniger legitim als Flucht vor Krieg oder politischer Unterdrückung halte: “Im Gegenteil, Armut ist gefährlicher als Krieg oder politische Verfolgung; Armut bedeutet kein Leben zu haben, ein Leben in konstanter Demütigung zu führen. Dem zu entfliehen und seine Situation zu verbessern ist ein sehr legitimes Recht.” Ob er glaube, dass er in seinem Leben jemals zum Flüchtling werden wird? Alexander Kluge, deutscher Filmemacher und Schriftsteller, sagt dazu: “Der sichere Augenblick täuscht. Niemand kann in seinem Leben ausschließen, dass er zum Flüchtling wird. Wenigstens kann er das nicht für seine Kinder.”

In dem Projekt “Wohin? 21 Fragen zu Flucht und Migration” des Goethe-Instituts wurden Autoren und Intellektuelle aus knapp 40 Ländern der Welt zu den Themen Flucht und Migration befragt. Inspirationsquelle für die ihnen vorgelegten Fragebögen waren die des Schweizer Schriftstellers Max Frisch, welche dieser in seinen Tagebüchern zu allgemeinen Themen wie Freundschaft, Ehe oder Tod formulierte.

Es ist hochinteressant zu lesen, was die wachsten Menschen aus ihren jeweiligen Kulturkreisen zu sagen haben – zu den eingangs erwähnten Fragen, zum Recht auf Asyl – Soll es bedingungslos sein? Kann es verwirkt werden? -, zur Frage nach einer Begrenzung der Aufnahme von Flüchtlingen oder zu ihrer Integration. Wie ist die Situation im eigenen Land? Werden dort einige Flüchtlinge lieber aufgenommen als andere? Sind Sie bereit, Einschnitte hinzunehmen? Was tun Sie persönlich?

Die Verantwortlichen des Goethe-Instituts schreiben: “Entgegen dem Eindruck, der bisweilen in den Medien hervorgerufen wird, haben die mehr als sechzig Millionen Menschen, welche sich derzeit auf der Flucht befinden, nur zu einem geringen Teil Europa als Ziel. Schon deshalb war uns eine geographische Vielfalt der Herkunftsländer unserer Teilnehmer ein Anliegen.” Ihnen ist ein immenses, wegweisendes Projekt gelungen.

Sehr berührend ist die letzte Frage, die direkt von Max Frisch übernommen wurde und sich unmittelbar auf den Kern der Sache bezieht: “Wieviel Heimat brauchen Sie?” Am niederschmetterndsten beantwortet sie der in den USA lebende Ire Colum McCann: “Eine Heimat.” Und der Argentinier Alejandro Grimson sagt: “Heimat ist für mich lebenswichtig. Ein erfülltes Leben ohne Heimat ist nicht möglich. Sie bedeutet Wärme, Liebe, Vertrauen, die Fähigkeit, sich im Dunkeln zurechtzufinden und blind zu wissen, wo die Dinge sind. Sie gibt Sicherheit. Ohne Heimat gehen alle Sicherheiten verloren. Und ein gewisses Maß an Sicherheit braucht der Mensch wie die Luft zum Atmen. Es sollte nicht nur ein Recht auf eine Unterkunft geben, sondern auch ein Recht auf Heimat, darauf, mit einem Ort eins zu werden, den man sein Eigen nennt.”

Deutsch.

Spanisch.

Foto:
Flüchtlinge am Hauptbahnhof in Budapest.

Neues Domizil für die Berliner DAAD-Galerie

In den neuen Räumlichkeiten auf der Oranienstraße werden die Stipendiaten in Zukunft mit Bildender Kunst, Literatur, Musik und Film, Tanz und Performance ihren Auftritt haben

Von Nicole Büsing und Heiko Klaas

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Weihnachten ist vorbei, und die ausrangierten Tannenbäume verrotten längst im Schneematsch auf den Berliner Bürgersteigen. Dennoch erklang am 14. Januar vor zahllosen Eröffnungsgästen noch einmal die traditionelle Melodie “O Tannenbaum”. Die südkoreanische Künstlerin Minouk Lim benutzte das weltweit bekannte Lied und seine diversen Varianten in einer Performance, die im Rahmen ihrer Ausstellung “New Town Ghost GAGA HOHO” im neu eröffneten Domizil der DAAD-Galerie in Berlin-Kreuzberg stattfand. So wie es in ihrer Heimat üblich ist, vollzog Lim ein traditionelles Ritual, um das Wohlwollen der Hausgeister für die neuen Bewohner zu erbitten.

Die neuen Bewohner der rund 500 Quadratmeter großen, sich über zwei Etagen erstreckenden Räumlichkeiten sind die Mitarbeiter und Gäste des Berliner Künstlerprogramms des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD). Gegründet wurde das Berliner Künstlerprogramm 1965 als Nachfolger eines bereits zwei Jahre zuvor von der US-amerikanischen Ford Foundation aufgelegten Programms. Zu einer Zeit also, als der Mauerbau noch frisch war und die Stadt drohte, international isoliert zu werden. Den Initiatoren galt West-Berlin damals als “verletzliche Insel inmitten des kommunistischen Meeres”, die es auch in kultureller Hinsicht zu stärken galt – was auch gelang.

Die Liste der rund 1000 bisherigen Stipendiaten liest sich denn auch wie ein Who’s Who der Kulturgeschichte der letzten 50 Jahre: Ingeborg Bachmann, Susan Sontag, Nan Goldin, Ilya Kabakov, Nam June Paik, Jim Jarmusch, Damien Hirst oder Cees Nooteboom. Sie alle waren auf Einladung des DAAD für ein Jahr in Berlin und hatten in dieser Zeit mit Ausstellungen, Lesungen oder Filmpräsentationen ihren Auftritt im Rahmen des Berliner Künstlerprogramms. Viele sind länger in der Stadt geblieben oder kehren seitdem regelmäßig zurück. Heute kommen bis zu 20 Stipendiaten pro Jahr, die, ausgestattet mit einem monatlichen Zuschuss von 2300 Euro, 12 Monate lang vor Ort arbeiten können.

Am neuen, zentralen Ort auf der Oranienstraße 161, mitten im belebten Kreuzberger Kiez, werden in Zukunft Bildende Kunst, Literatur, Musik und Film, Tanz und Performance, mithin also alle Sparten des international angesehenen und maßgeblich vom Auswärtigen Amt und dem Berliner Senat finanzierten Residenzprogramms ihren Auftritt haben.

Umgebaut hat die in einem Jugendstilgebäude des jüdisch-ungarischen Architekten Oskar Kaufmann (1873-1956) gelegenen Räume das Architekturbüro Kuehn Malvezzi. Die Berliner gelten spätestens seit dem Umbau der Kasseler Binding-Brauerei 2002 für die Documenta 11 als Spezialisten für clevere Lösungen im Kunstsektor. Zu den weiteren realisierten Projekten gehört etwa die Flick Collection im Hamburger Bahnhof, der Umbau der Berlinischen Galerie oder die Julia Stoschek Collection in Düsseldorf.

Mit dem Umzug in die Oranienstraße verlässt die DAAD-Galerie auch ihre bisherigen Räumlichkeiten in der Zimmerstraße beim Checkpoint Charlie. Als sie dort im Jahr 2005 ihre Zelte aufschlug, galt die Gegend noch als Hotspot der Berliner Galerienlandschaft. Doch die Galerien sind längst weitergezogen und haben eher touristischen Angeboten Platz gemacht. Höchste Zeit also auch für die DAAD-Galerie, sich eine passendere Nachbarschaft zu suchen. Zusammen mit Bazon Brocks Debattenwerkstatt Denkerei als Nachbar zur linken Seite und dem ebenfalls umtriebigen Programm des Aufbau Hauses zur rechten Seite am Moritzplatz gelegen, entsteht jetzt ein kulturelles Cluster, das Kreuzberg gut zu Gesicht steht.

Foto:
DAAD-Galerie, Außenansicht.
(Foto: Heiko Klaas)

Kulturelles Zentrum in Moisés Ville

Theater “Kadima” wurde vom Parlament der Provinz Santa Fe zum “historischen und kulturellen Erbe” erklärt

Von Marcus Christoph

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Das Theater “Kadima” von Moisés Ville ist vor wenigen Tagen worden. Diese Anerkennung bedeutet finanzielle Unterstützung seitens der Provinzregierung für den Fall, dass Instandhaltungsarbeiten durchgeführt werden müssen.

Das Theater “Kadima”, was auf Deutsch “Vorwärts” bedeutet, wurde 1929 mit einem Konzert der russischen Sopranistin Rita Kitena eingeweiht. Seitdem hat sich das Theater, das an der Plaza San Martín gelegen ist, zu einem kulturellen Zentrum der Region entwickelt. Bekannt ist die Einrichtung auch wegen ihrer guten Akustik und der Bibliothek “Baron Hirsch”, die sich ebenfalls in dem Gebäude befindet. Dort kann man auch Bücher in Deutsch, Jiddisch und Hebräisch bekommen.

1945, nach der Niederlage Nazi-Deutschlands, gab es im Theater “Kadima” ein großes Fest, an dem viele der aus Polen und Deutschland geflüchteten Juden teilnahmen.
Moisés Ville wurde bereits 1889 von osteuropäischen Juden gegründet, die mit dem Dampfschiff “Weser” in Argentinien ankamen. Der Ort wurde zu einem Zentrum der “jüdischen Gauchos” in Santa Fe. 2014 konnte das 125-jährige Bestehen mit einem großen Fest gefeiert werden.

Foto:
Das imposante Theater “Kadima” in Moisés Ville.
(Foto: Marcus Christoph)

Mehr als Fleisch und Fußball

Wie junge Reisende Buenos Aires sehen

Von Ivana Forster

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Buenos Aires ist eine teure Stadt, und so arbeite ich während meines Aufenthaltes hier an der Rezeption meines Hostels in San Telmo. Hier stranden junge Reisende aus aller Welt. Manche sind nur auf Durchreise, andere möchten vorübergehend in der argentinischen Hauptstadt leben. Im Gespräch mit den Gästen bemerkt man sehr schnell, wie stark sich ihr Empfinden von Argentinien und insbesondere Buenos Aires unterscheidet. Selbstverständlich hängt dieser Eindruck von den verschiedensten Aspekten ab: Welche Orte werden besucht und damit Teil des Bildes, das wir uns von einem Ort machen? Welche Menschen begegnen uns in welcher Stimmung und Situation?

Jeder Reisende schreibt seine eigene Geschichte. Doch Beobachtungen und Urteile sind keineswegs nur von individuellen Faktoren beeinflusst. Auch wenn wir uns dessen kaum bewusst sind, ist unsere Wahrnehmung Ergebnis der kollektiven Zugehörigkeit, also der Gemeinschaft oder Kultur, in die wir integriert sind. Sie definiert, was wir als “normal” empfinden und das dient unweigerlich als Orientierungsrahmen. Wie es Hanna Milling mit dem Titel ihres 2010 erschienenen Buches “Das Fremde im Spiegel des Selbst” auf den Punkt bringt, sind wir in der Betrachtung von Neuem befangen.

Als Studierende der Soziologie interessierte mich, wie sich die kulturell geprägte Wahrnehmung bei den Besuchern des Hostels beobachten lässt – dazu sprach ich mit drei jungen Menschen aus den verschiedensten Kulturkreisen.

hostel_marie-bentropMarie Bentrop (20) aus München

Wie lange bist du schon unterwegs? Wo warst du, bevor du nach Buenos Aires kamst?
Ich bin vor etwa einem Monat in Rio gelandet und über eine kleine Küstenstadt nach São Paulo und Iguazú weitergereist. Danach habe ich in Paraguay eine Freundin besucht und bin von dort aus mit dem Nachtbus direkt hierher gefahren – über 20 Stunden.

Buenos Aires ist also deine erste Station in Argentinien? Wie ist dein genereller Eindruck bisher?
Ich bin erst seit einer Woche hier, aber die erste Erfahrung, die mir im Gedächtnis blieb, war auf jeden Fall eine gute. Als ich am Busbahnhof ankam, bin ich einfach in den Stadtbus gestiegen und dachte, ich könnte hier, so wie in Brasilien, einfach bar bezahlen. Das ging natürlich nicht, weil mir hier ja die Sube-Karte braucht. Als der Busfahrer meinte, dass das nicht geht, hat eine Frau einfach mit ihrer für mich bezahlt. Was ich allerdings seltsam fand, war, dass die Frau weder gelächelt hat noch genervt gewirkt hat. Es war eher einfach selbstverständlich. Hier im Hostel trifft man ja wenige Argentinier, aber die, die ich kennengelernt habe, waren richtig sympathisch.

Inwieweit stimmt dein erster Eindruck mit dem überein, was dir in Deutschland durch Medien, Schule, Erzählungen vermittelt wurde?
Ich muss sagen, man bekommt in Deutschland eigentlich überhaupt keinen wirklichen Eindruck von Südamerika. Man denkt an gefährliche Gangsterbanden und Empanadas. Das war es aber auch schon fast. Vor allem ist mir aufgefallen, dass man gerade in der Schule überhaupt nichts zur Geschichte Südamerikas lernt. Vielleicht in der achten Klasse etwas zu Kolumbus und das vergisst man wieder, bis man erwachsen ist. Der Geschichtsunterricht ist immer extrem zentriert auf das, was in Europa und Nordamerika passiert. Man lernt gar nichts zu Dingen, die auf anderen Kontinenten vor sich gehen. Ich habe schon in einer Nachmittagstour, hier in Buenos Aires, von einem Guide beispielsweise von Kriegen erfahren, die die Weltgeschichte geprägt haben, aber von denen ich noch nie gehört hatte.

Was sind dir sonst für kulturelle Differenzen im Vergleich zu deiner eigenen, also zur deutschen aufgefallen?
Vor allem, wie die Männer in Südamerika sich verhalten. Der Austausch zwischen Mann und Frau spielt sich ganz anders ab. Man hat schon eher das Gefühl, dass man als Objekt oder als potenzielle Partnerin angesehen wird. Es ist sehr schwer, mit Männern auf einer freundschaftlichen Ebene in Kontakt zu kommen. Generell kommt mir schon die gesamte Lebensweise anders vor als in Deutschland oder Europa. Aber meinen großen Kulturschock hatte ich schon in Brasilien.

Was war das Verrückteste oder Überraschendste, das dir in Buenos Aires passiert ist?
Wirklich verrückt ist das nicht. Aber ich bin, ich glaube an einem Samstag, zur Plaza de Mayo gelaufen, und da war ein riesiger Umzug von Bolivianern. Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Ich bin einfach nur rumgelaufen und mitten in einem riesigen Pulk von Menschen gelandet, die laute Musik gemacht haben und auf der Straße getanzt haben. Es war ziemlich cool, einfach über so etwas zu stolpern, ohne danach zu suchen.

Wie sicher fühlst du dich hier? Vor allem die Famlie zu Hause macht sich bei jungen Europäerinnen ja oft Sorgen, wenn die ganz alleine durch Lateinamerika reisen.
Es stimmt definitiv, dass man sich hier nicht so sicher fühlt wie in Deutschland. Man denkt darüber nach, dass es mehr Arme gibt, die darauf angewiesen sind, jemanden zu überfallen. Mir ist zum Glück noch nichts passiert, aber ich habe schon viele ungute Geschichten gehört. Aber ich denke, dass es wiederum nicht so extrem ist, wie viele Deutsche das sehen. Wenn man mit ein bisschen gesundem Menschenverstand durch die Gegend läuft und sich nachts von gewissen Orten fernhält, dann fühlt man sich auch nicht so schrecklich unsicher.

Wie ist deine Wahl gerade auf Südamerika beziehungsweise Argentinien gefallen?
Ich habe in der zehnten Klasse ein Auslandsjahr in Italien gemacht und dabei viele Südamerikaner kennengelernt. Seitdem wollte ich dorthin reisen. Ich wusste schon immer, dass es mich eher nach Südamerika als etwa Südostasien zieht. Das liegt, glaube ich, vor allem daran, dass ich mich den Latinos kulturell näher fühle, so klischeehaft das klingen mag.

Oscar Guerra (25) aus Caracas, Venezuela

hostel_oscar-guerraWie lange bist du schon in Buenos Aires? Hast du vorher schon andere Teile Argentiniens kennengelernt?
Nein, ich kam vor ungefähr einer Woche hier an und habe keine anderen argentinischen Orte gesehen.

Wie ist dein erster Eindruck?
Unglaublich! Ich bin an eine sehr viel belebtere Umgebung gewöhnt. In dieser Stadt ist es ganz anders. Sie ist riesengroß, aber es gibt keine solchen Menschenmengen auf der Straße.

Inwieweit stimmt deine erste Wahrnehmung mit dem überein, was dir in Venezuela durch Medien, Schule, Erzählungen über Argentinien vermittelt wurde?
Eigentlich habe ich es mir genauso vorgestellt. Wie die meisten wissen, ist Venezuela zurzeit nicht der beste Aufenthaltsort. Meine Erwartungen wurden sogar übertroffen, ich hatte ziemlich viel über die Stadt gelesen.

Verglichen mit deinem Land – sind dir kulturelle Differenzen aufgefallen?
Ich mag die Kultur in Venezuela, besonders in den Städten. Aber ich glaube, die meisten Kulturen sind fortschrittlicher als die unsrige, in jeder Hinsicht. Zum Beispiel in Hinblick auf Graffitis. Ich sprühe selbst seit sieben Jahren, aber was ich hier gesehen habe, ist von Weltrang. Was das Zusammenleben angeht, denke ich, dass jeder für sein Handeln verantwortlich ist.

Was war das Verrückteste oder Überraschendste, das dir in Buenos Aires passiert ist?
Als ich am Flughafen ankam, hat mich mein Cousin abgeholt. Wir sind im Bus hierhergefahren und haben über den Wahnsinn in den Straßen Venezuelas gesprochen und ich meinte zu ihm, dass der Verkehr hier viel geordneter ist. Und zufälligerweise hat in diesem Moment ein Motorrad den Bus überholt und ist genau vor unseren Bus gestürzt.

Wie schätzt du die Sicherheit in Argentinien – verglichen mit Venezuela – ein?
Die Sicherheit hier ist schon grandios. In Caracas ist man daran gewöhnt, auf alles vorbereitet zu sein, ausgeraubt zu werden. Die Menschen verlassen das Haus, weil sie zur Arbeit müssen und kehren dann sofort wieder zurück nach Hause. Aber hier kannst du machen, worauf du Lust hast. Weißt du, wie lange ich mich nicht mehr auf einen Platz gesetzt habe, um zu lesen? Das ist bestimmt fünf Jahre her. Hier habe ich das in der vergangenen Woche jeden Tag gemacht.

Wie ist deine Wahl gerade auf Argentinien gefallen?
Ich möchte hier ein, zwei Jahre leben. Ich weiß nicht wieso, aber ich habe mich schon immer mit der argentinischen Kultur beschäftigt. Das ist nichts besonders Persönliches. Hier möchte ich anfangen und anschließend andere Orte in Südamerika oder vielleicht Europa kennenlernen.

Soudai Hirai (21) aus Tokio

Wie lange bist du schon unterwegs? Wo warst du, bevor du nach Buenos Aires kamst?
Ich war fünf Monate in Südostasien und Europa unterwegs und Buenos Aires ist meine erste Station in Südamerika.

Wie ist dein genereller Eindruck bisher?
Nach ein paar Tagen kann ich noch nicht besonders viel sagen. Aber ich war überrascht, dass hier so wenig Englisch gesprochen wird. Ich habe gemerkt, dass ich Spanisch lernen sollte.

Ist Argentinien in etwa so, wie du erwartet hattest?
Ich dachte, die Argentinier wären leidenschaftlicher und aufbrausender. Außerdem hat mich überrascht, wie entwickelt Buenos Aires ist.

hostel_soudai-hiraiSind dir kulturelle Unterschiede zu Japan aufgefallen?
Die Leute hier scheinen sehr gern Fußball zu schauen. Und man isst hier sehr viel Fleisch.

Ist dir bereits etwas Verrücktes oder Überraschendes passiert?
Ich fand es verrückt, zu bemerken, wie groß die Kluft zwischen Arm und Reich ist.

Wie sicher fühlst du dich hier?
Ich habe gehört, die Stadt sei nicht sicher, aber das kommt mir nicht so vor. Verglichen mit Japan ist es hier aber natürlich weniger sicher. Aber Japan ist eben besonders in dieser Hinsicht.

Wie ist deine Wahl auf Argentinien als erstes Reiseziel in Südamerika gefallen?
Ich wollte von Süden nach Norden reisen. Zwar hätte ich auch in Brasilien anfangen können, aber dazu hätte ich im Gegensatz zu Argentinien ein Visum gebraucht.

Fotos von oben nach unten:

San Telmo ist eines der beliebtesten Stadtviertel bei jungen Reisenden.

Marie Bentrop.
(Privat)

Oscar Guerra.
(Foto: Ivana Forster)

Soudai Hirai.
(Foto: Ivana Forster)

Asado-Meisterschaft in Buenos Aires

Beim “Campeonato de Asadores” 2016 triumphierte die Provinz Mendoza

Von Marcus Christoph

grillfest
Argentinischer geht es kaum: Der Rauch vom Grillfleisch in der Luft, dazu typische musikalische Klänge aus dem Landesinneren wie Zamba oder Chacarera sowie Menschen in Gaucho-Trachten. Die nationale Asado-Meisterschaft, zu der die Stadtregierung von Buenos Aires am Sonntag eingeladen hatte, lockte rund 250.000 Menschen auf die “9 de Julio”. 24 Zweierteams, die jeweils eine argentinische Provinz repräsentierten, eiferten um die Wette, wer am leckersten grillen kann.

Zuzubereiten galt es verschiedene Rindfleischschnitte wie “Tira de Asado” (Querrippe), “Colita de Cuadril” (Hüftspitze) und “Vacío” (Flankensteak), Innereien wie Niere und Kalbsbries sowie Grillwurst, Grillkäse und Gemüse. Den Geschmacksnerv der Jury traf schließlich am besten das Team aus Mendoza mit Carlos Gallardo und Francisca Araya, die sich nun als Grillmeister Argentiniens bezeichnen dürfen.

Ziel der Stadtregierung war es, die touristische Attraktivität von Buenos Aires weiter zu steigern und argentinische wie ausländische Touristen in die Metropole zu locken.

Foto:
Für Vegetarier war das Zentrum von Buenos Aires am Sonntag “No-Go-Area”: Über ganze Häuserblöcke hinweg duftete es nach Grillfleisch.

Adresse für Bratwurst-Fans in Buenos Aires

“Bratwurst Argentina” eröffnet Geschäft in Constitución

Von Marcus Christoph

bratwurst
Es ist vollbracht: Ab sofort haben Bratwurst-Fans in Buenos Aires eine feste Adresse. Vor wenigen Tagen eröffneten Michael Schnirch und André Kalisch, die beiden Geschäftsinhaber von “Extrawurst – Bratwurst Argentina”, in der Straße “Solís” 1699 im Buenos-Aires-Stadtteil Constitución ein Geschäft, in dem es Würste und manches mehr zu kaufen gibt. Auch Mahlzeiten vor Ort sind möglich.

Für die vor gut dreieinhalb Jahren gegründete Firma, die seit Kurzem den Namenszusatz “Extrawurst” trägt, ist die Neueröffnung ein Meilenstein. Denn bislang lief der Verkauf vor allem über Online-Bestellungen. Ein Laden, um die Waren direkt an den Kunden zu bringen, fehlte. “Wir haben lange gesucht, ehe wir geeignete Räume gefunden hatten”, erläutert Michael Schnirch. Der gebürtige Nürnberger ist seit zehn Jahren im Land. Bei einem Public Viewing während der Fußball-EM 2012 lernte er den Berliner André Kalisch kennen, der im Jahr zuvor nach Buenos Aires gekommen war.

Gemeinsam kamen sie auf die Geschäftsidee, Bratwürste nach deutscher Art in Argentinien auf den Markt zu bringen. Rasch zeigte sich, dass sie den richtigen Nerv getroffen hatten. Die Nachfrage stieg kontinuierlich. Egal ob Oktoberfest der Handelskammer, Veranstaltungen in der deutschen Botschaft oder Feste des Goethe-Instituts: “Bratwurst Argentina” wurde schnell zu einer festen Größe bei Feiern deutscher Institutionen.

Schritt für Schritt erweiterten die beiden Bratwurst-Brutzler ihr Angebot. Zu “Klassikern” wie Currywurst, Fränkischen oder Nürnberger Würsten haben sich mittlerweile auch internationale Wurstvarianten wie Lincolnshire Sausages aus England oder La Merguez-Würste aus Nordafrika gesellt. Käsebeißer, Knoblauch-, Chili- und Bierwürste oder die Eigenkreation “Pankower”, benannt nach Kalischs Berliner Heimatbezirk, ergänzen das Sortiment, in dem seit Kurzem auch bayrischer Leberkäse zu finden ist. Kalisch und Schnirch stellen zudem Saucen und Senf, Kartoffelsalat, Leberwurst, Brezeln oder Apfelstrudel her. Köstlichkeiten, die es in Argentinien sonst kaum gibt und die sicher fast jeder vermisst, der aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz kommt und eine Zeitlang in Argentinien lebt.

Das neue Geschäft ist montags bis freitags von 12 bis 20 Uhr geöffnet. Für die nähere Zukunft sollen die Öffnungszeiten auch auf den Sonnabend ausgedehnt werden. Zudem gibt es die Möglichkeit, einen Tisch bzw. einen Raum zu reservieren.

Infos hier.

Foto:
Michael Schnirch (l.) und André Kalisch.
(Foto: Marcus Christoph)