Kunst in Argentinien / Arte en Argentina

Künstler / Artistas

Soziale Ästhetik

14/08/2008

Juan Carlos Castagnino im Museo Nacional de Bellas Artes

Von Katharina Guderian

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Aus der Serie „Cordobazo“.
(Foto: Katharina Guderian)

Unterschiedlicher könnten die Stilrichtungen kaum sein - farbenfrohe Ölgemälde, Acryl und Aquarelle, klare Tintenzeichungen, anatomische Zeichenstudien, Collagen mit Zeitungsausschnitten, Wandmalereien. Die Werke des argentinischen Künstlers Juan Carlos Castagnino haben eine Bandbreite, die ihresgleichen sucht. Sie werden vereint nicht nur von dem ästhetischen Bedürfnis des Künstlers, sondern auch von seinem sozialen und politischen Anspruch. Die Ausstellung „Humanismo, poesía y representación“ im Museo Nacional de Bellas Artes zeigt bis zum 28. September etwa 100 Werke des am 18. November 1908 in Mar del Plata geborenen Künstlers.

„Castagninos Wandmalereien werden oft vergessen, für mich bilden sie aber das Herz dieser Ausstellung“, betont Kuratorin Clelia Taricco. Nach Kunststudien am MEEBA (Escuela Superior de Bellas Artes) und Seminaren bei den Meistern Lino Eneo Spilimbergo und Ramón Gómez Cornet wurde Castagnino im Alter von 25 Jahren von dem Mexikaner David A. Siqueiros in die Gruppe einberufen, welche die Wandmalerei in der Quinta von Natalio Botana in Don Torcuato gestalten sollte. Danach schuf er zahlreiche weitere Wandbilder an den unterschiedlichsten öffentlichen und privaten Orten weltweit.

Sein wahrscheinlich bedeutendstes Werk in Argentinien schuf er 1945 zusammen mit Antonio Berni, Spilimbergo, Demetrio Urruchúa und Manuel Colmeiro Guimarás in den Galerías Pacífico in Buenos Aires. Die Ausstellung im Bellas Artes zeigt Kohlestudien auf Pergament, die der Künstler im Vorfeld für seine Wandmalereien fertigte, an welchen sich der Entstehungsprozess der Arbeiten nachvollziehen lässt. Faszinierend ist die auf eine große, weiße Wand projizierte Diashow seiner Wandmalereien, die laut Taricco so zum allerersten Mal überhaupt in einer Ausstellung gezeigt wird.

Bei den Wandmalereien kommt Castagninos besondere Beziehung zu seinem Publikum am stärksten zu tragen: „Ein Werk ist so lange nur ein potenzielles Kunstwerk, bis es seinen Betrachter trifft.“ Castagnino trieb die Wandmalerei in Argentinien voran und versuchte so, die Trennung zwischen der Öffentlichkeit und der Malerei zu bewältigen. Er spricht dem Betrachter eine wichtige Rolle zu, denn der Mensch vor dem Werk sieht, richtet, transformiert, ersinnt, liest und versteht. Für Castagnino galt Kunst als soziale Gegebenheit. Somit flossen neben seinen ästhetischen Ansprüchen auch die politischen und sozialen Interessen in seine Produktion ein. Er wollte Visionen und Ängste der Personen im sozialen Umfeld seiner Zeit als Bild des ganzheitlichen Menschen einfangen. „Die Kunst muss das Zeugnis unserer Welt sein, unserer Ideen und der sozialen Phänomene, in denen wir leben“, lautete Castagninos Dogma.

Der Künstler lernte 1939 bei einer Studienreise durch Europa unter anderem Braque, Léger und Picasso kennen. Doch seine 40 Schaffensjahre sind am stärksten geprägt von einem tiefen humanistischen Gefühl. In der Ausstellung sind Castagninos Werke sowohl thematisch wie auch chronologisch angeordnet. Der Mensch ist das Leitmotiv seiner gesamten Produktion. In den 40ern schuf er eine Serie von expressiven Landschaftsbildern, in den 50ern konzentrierte er sich auf Landarbeiter und Fabriklandschaften. Auch der Kontrast zwischen Stadt und Land ist ein allgegenwärtiges Thema seines Schaffens. Ende der 60er entstanden die Serien „Vietnam“ und „Cordobazo“. Diese beschäftigen sich mit der in den Medien gezeigten Gewalt. Die Collagen aus aufgeklebten Zeitungsausschnitten und schwunghaften Tuschezeichnungen schaffen verschiedene Bedeutungsebenen, die einen simultanen Dialog über Wirklichkeit und Interpretation ermöglichen. Castagnino illustrierte außerdem eines der wichtigsten Werke argentinischer Literatur, die Gaucho-Gedichte „Martín Fierro“ von José Hernández.

Der Künstler wurde mit zahlreichen Ehrungen ausgezeichnet, unter anderem der Ehrenmedaille in Malerei des internationalen Kunstfestes in Brüssel (1958), dem großen Ehrenpreis des Salón Nacional (1959) und dem Sonderpreis für Zeichnungen bei der II. Biennale von Mexiko (1962). Ein Jahr später wurde er zum Mitglied der Academia Nacional de Bellas Artes ernannt. Am 21. April 1972 verstarb er in Buenos Aires. Insbesondere seine Wandmalereien überall auf der Welt, werden aber seinen Dialog mit den Menschen weiterführen.

  • Bis 28.9. im Museo Nacional de Bellas Artes, Av. del Libertador 1473. Di-Fr 12.30-19.30, Sa und So 9.30-19.30 Uhr. Eintritt frei.

Vom Regen in die Traufe

26/07/2008

Armando Sapia zeigt bitterböse Zeichnungen in der Galerie Empatía

Von Susanne Franz

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Jetzt sind es noch nicht mal mehr “Menschen”, die Gevatter Tod in seinem Boot ins Totenreich befördert, sondern gesichtslose, backformähnliche Mensch-Schablonen, die dennoch mit ihren abgeknickten Köpfen ein bisschen “toter” wirken als sie es wohl vorher schon waren. Bittere Ironie und gnadenlosen Zynismus ist der Sapia-Kenner und -Liebhaber gewohnt; dass es noch weiter in den Abgrund gehen kann, davon wird er in der Galerie Empatía aber doch überrascht.

Sapias Ausstellung “70 metáforas y un dibujo olvidado” (70 Metaphern und eine vergessene Zeichnung) ist exquisit in Szene gesetzt - die 70 kleinformatigen Tuschzeichnungen aus den Jahren 2006 und 2007 hängen in Passepartouts in cremefarbenen Rahmen, die etwas dunkler als die Wände sind. Kleine Serien von 5 bis 10 Zeichnungen sind locker assoziativ angeordnet. Die “vergessene Zeichnung”, ein Akt von 1983, fällt auch vom Format her aus dem Rahmen. Thematisch passt sie wieder zu anderen voyeuristischen Szenarien in den jüngeren Werken.

Sapia zeichnet obsessiv, sein Hirn übersetzt einen ständigen Bewusstseinsstrom in seine Hand. Nur Ausschnitte aus diesem dunklen Fluss seiner Seele werden hier dem Zuschauer präsentiert, und viel mehr wäre auch schwer zu bewältigen. Ein Sapia auf der Höhe bzw. in den tiefsten Tiefen seiner Kunst.

  • Galerie Empatía, Carlos Pellegrini 1255. Mo-Fr 10-20, Sa 10-13 Uhr. Bis zum 9. August.

Erschienen im “Argentinischen Tageblatt” vom 26.07.08.

Rodin in Buenos Aires

23/07/2008

Mehr als nur die Ausstellung im Museo Nacional de Arte Decorativo

Von Katharina Guderian

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Rettungsbedürftiger ‚Denker’.
(Foto: Katharina Guderian)

Kaum jemand schenkt ihm Aufmerksamkeit. Er ist in einem erschreckenden Zustand. Mit Graffitis besprüht und Farbschmierereien übersäht muss ‚Der Denker’ des französischen Bildhauers François Auguste René Rodin auf der Plaza Lorea 200 Meter vor dem Kongress in Buenos Aires nicht nur seit 1907 der Witterung standhalten, sondern wurde zum Opfer von Aggression und Zerstörungswut. Einst ein Symbol für Verstand, Reflexion und Stärke, sitzt er jetzt auf seinem Sockel wie ein Häufchen Elend und scheint den Idealen den Rücken gekehrt zu haben. Resignation statt Inspiration. ‚Der Denker’ in Buenos Aires ist der einzige Bronzeguss dieses künstlerischen Meisterwerkes mit unschätzbarem historischem Wert in ganz Südamerika. Und doch gehen die Passanten an ihm vorbei, ohne ihren Blick zu heben. Zur Rodin-Ausstellung im Museo Nacional de Arte Decorativo an der Avenida del Libertador strömen die Besucher allerdings in Scharen.

Alleine am Eröffnungstag, dem 12. Juli, hatte die Ausstellung ‚La Era de Rodin’ mehr als 2100 Besucher. Im monumentalen Rahmen des historischen Bauwerkes werden noch bis zum 14. September dienstags bis sonntags von 14 bis 19 Uhr 46 Werke von Rodin gezeigt - darunter einige seiner berühmtesten wie ‚Der Denker’ (1880) und ‚Der Kuss’ (1886) - sowie weitere 30 Arbeiten seiner Zeitgenossen. Die gedrängte Masse der Kunstwerke ist überwältigend, ebenso wie der Andrang im Museum. Es bietet sich an, den Besuch der Ausstellung auf mehrere Tage aufzuteilen, um die Skulpturen mit genügend Ruhe genießen zu können, da der Eintritt nur zwei Pesos beträgt und dienstags kostenlos ist.

Auch wenn die Beleuchtung im Museum nicht ideal sein mag, so dass sich das für Rodin typische Wechselspiel zwischen Licht und Schatten auf den Skulpturen voll entfalten kann, der Besuch der Ausstellung lohnt sich. Mehr Rodin auf einem Fleck gibt es in Buenos Aires sonst nirgends.

Rodin gehört zu den bedeutendsten Persönlichkeiten der Bildhauerei des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Er wird als letzter großer klassischer Bildhauer, gleichzeitig aber auch als Wegbereiter der Moderne angesehen, der neue Maßstäbe vor allem auf dem Gebiet der Plastik und der Skulptur setzte.

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Kontrolliertes Wagnis

24/05/2008

Die Bildhauerin Cristina Tomsig in der Galerie Empatía

Von Susanne Franz

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“En Juego” von Cristina Tomsig.

Neu und doch vertraut: Wenn man die großformatigen Eisenskulpturen der Bildhauerin Cristina Tomsig kennt, ist man zunächst überrascht, wenn man ihren neuen Werken in der Galerie Empatía begegnet. Metall ist zwar noch vorhanden, aber in dünnerer, biegsamerer Form, wie in der großformatigen Skulptur “Movimiento Sostenido” (Festgehaltene Bewegung), einer Art Wippe aus einem dünnen, gebogenen Stahlblech, das durch zwei Drähte in Spannung gehalten scheint und in dessen Mitte sich eine zu einer Schleifen- oder Blumenform gebogene weiße PVC-Bahn befindet. Man hat das Gefühl, dass diese Skulptur so fragil ist, dass sie in jedem Moment auseinanderspringen könnte - was natürlich eine von der Künstlerin exakt geplante Illusion ist - und hat fast Angst, das Objekt in eine Schaukelbewegung zu versetzen (wobei es dann seine Stabilität unter Beweis stellt).

Oder die Skulptur “En Juego” (Auf dem Spiel stehen), die aus zwei einander stützenden Elementen besteht: einem Aluminiumring von mehr als einem Meter Durchmesser und einem aus schwarzem PVC geformten, an der oberen Seite gezackten Halbkreis. Auch diese Skulptur wirkt nicht wuchtig, sondern leicht und verspielt - und auch sie kann in Bewegung versetzt werden. Cristina Tomsigs Werke durchbrechen hier einen ganz entscheidenden “Grundsatz” der Skulpturen - die “normalerweise” ja nicht nur den Raum, den ihre Abmessungen vorschreiben, einnehmen, sondern auch bestimmte Koordinaten des umliegenden “unsichtbaren” Raums einbeziehen. Cristina Tomsigs Skulpturen modifizieren auch diesen Raum und bringen ihn in Schwingung.

Der Prozess, der Cristina Tomsig hin zu diesen “neuen” Objekten geführt hat, begann etwa im Jahr 2005. “Ich wollte mit einem anderen Material als Eisen arbeiten”, sagt die Künstlerin. “Es sollte leichter sein, flexibler: Ich wollte meine Ideen schneller verwirklichen können.” Als sie ihre ersten verspielten Arbeiten aus dünnen, verschlungenen PVC-Streifen sah, erschrak sie zunächst. “Es ist etwas anderes, eine Veränderung zu planen, als diese dann plötzlich vor sich zu sehen!”, beschreibt die anerkannte Künstlerin und IUNA-Dozentin ihre Gefühle.

Dass sie sich auf dem neuen Weg schnell sicher gefühlt hat, hat damit zu tun, dass Cristina Tomsig zwar radikale konzeptuelle Neuerungen in ihr Werk aufgenommen hat, dass sie aber an soliden, rigorosen Grundbedingungen festhält. So nutzt sie die ganze Erfahrung und Weisheit ihres Künstlerlebens und erweitert sie zugleich. In der “Juegos Materiales” (Spiele/Materialien - Materielle Spiele) genannten Ausstellung sind neben den zwei beschriebenen Skulpturen auch kleinformatige Objekte und “Reliefs” aus PVC in verschiedenen Größen zu sehen.

Dass all die Spannung, die Tomsigs Werke erzeugen, dass all dieses Neue dennoch als ruhige und positive Botschaft beim Betrachter ankommt, dafür sorgt die klare Farbgebung der Künstlerin (Schwarz/Weiß/Metallen/Transparent) und ihr perfekt entwickelter Sinn für Proportionen, der selbst den Objekten, die wie “mitten im Sprung” erscheinen, ihren Sinn und ihre Ordnung geben.

  • Cristina Tomsig, „Juegos Materiales“. Empatía, Carlos Pellegrini 1255. Mo-Fr 11-20, Sa 10-13 Uhr. Bis 31.5.

Erschienen im “Argentinischen Tageblatt” vom 24.05.08.

Doppelter Verlust der Kindheit

17/11/2007

Der deutsche Videokünstler Bjørn Melhus besuchte Argentinien

Von Susanne Franz

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Bjørn Melhus als Dorothy in “Weit weit weg”.

Bjørn Melhus, einer der interessantesten Videokünstler und Experimentalfilmer Deutschlands, war vergangene Woche im Rahmen des Euroamerikanischen Film-, Video- und Digitalkunstfestivals MEACVAD in Argentinien. Eingeladen worden war er vom Goethe-Institut Buenos Aires, das zusammen mit der Alianza Francesa und der Stiftung Telefónica Veranstalter des Festivals war, welches noch zwölf weitere bedeutende Persönlichkeiten aus dem In- und Ausland in seinem hochkarätigen Programm vom 5. bis 9. November hatte, darunter den charismatischen Dokumentarfilmer und Kinotheoretiker Jean-Louis Comolli aus Frankreich, den brasilianischen Filmemacher, Drehbuchautor und Produzenten Cao Guimarães, den Künstler, Performer, „Networker“ und experimentellen Dichter Clemente Padín aus Uruguay oder die Künstlergruppe ArteProtéico aus Córdoba/Argentinien.

Geboren in Kirchheim/Teck (was man ihm nicht anhört), lebt und arbeitet Bjørn Melhus heute vor allem in Berlin. Sein Geburtsjahr 1966 ist von zentraler Bedeutung für seine künstlerische Arbeit, denn Melhus gehört der ersten Generation von deutschen Kindern an, die vom Fernsehen und vor allen den US-amerikanischen Serien geprägt wurde. “Seit ich denken kann, habe ich ferngesehen”, sagt Melhus, der den hopsenden Gang des Astronauten Neil Armstrong, des ersten Menschen auf dem Mond, als Kind endlos auf einer Matratze nachmachte und eine Baustelle in der Nähe der Hochhaussiedlung, in der er aufwuchs, zu seinem eigenen “Wilden Westen” erklärte, wo er sich in die Serien hineinträumte.

Die Identifikationsmuster, die das Fernsehen der Kindheit lieferten, mischten sich mit der Realität des eigenen Lebens und wurden nahtlos eingebaut, ohne dass es dem Kind bewusst geworden wäre, dass es sich bei den TV-Welten um fiktive Wirklichkeiten handelte und man von den wahren Umständen beispielsweise beim Urwalddoktor Daktari oder auf der Farm der Cartwrights in Bonanza keine Ahnung hatte.

Bjørn Melhus empfindet diese Indoktrination und Verzerrung der eigenen Wahrnehmung heute als Verlust (von Identität), und obwohl er in seinen Videoinstallationen und Filmen mit viel Humor arbeitet, ist doch auch immer Trauer mit im Spiel - Trauer über den Verlust der Kindheit im allgemeinen, und im besonderen einer Kindheit, die ungewollt fremdbestimmt war.

An zwei Abenden im Goethe-Institut Buenos Aires und bei zwei Veranstaltungen vor Filmstudenten an der Universität von San Miguel de Tucumán im Landesinneren bot sich letzte Woche die Gelegenheit, das nicht immer leicht zugängliche Werk Melhus’ näher kennenzulernen. Am Donnerstagabend zeigte der Künstler in Buenos Aires eine Auswahl seiner vielschichtigen Videoinstallationen, am Freitagabend zwei längere Filme. Im ersten, “Weit weit weg - Far far away” (1995, 39 Min.), verkörpert Melhus, der in seinen Installationen und Filmen immer alle Rollen selbst spielt, Dorothy aus dem “Zauberer von Oz”. “Dies ist ein autobiographischer Film, es geht um das persönliche Psychodrama vom Ende der Kindheit, vom Kinderzimmer, das zum Gefängnis wird”, erklärt Bjørn Melhus den in 12 Kapitel eingeteilten Film von Dorothy, die mit dem Plastikhund Toto, ihrem einzigen Freund, in Sasnak lebt. (Melhus: “Das ist Kansas von hinten gelesen, und es klingt so schön Deutsch.”) Mit Hilfe eines gelben Telefons versucht Dorothy, “weit weit weg” in die Welt des Fernsehens zu entfliehen, und es gelingt ihr, eine zeitgleiche andere Dorothy in Amerika zu erschaffen, ein Signal, mit dem sie “kommuniziert” (Melhus verwendet in seinen Filmen nie die eigene Stimme, sondern Synchronstimmen, in diesem Fall die Stimme der deutschen Synchronsprecherin von Judy Garland aus dem Film “Der Zauberer von Oz” und Judy Garlands Originalstimme). Das Signal vervielfältigt sich, es kommt zur Trennung, zur Transformation, einer erneuten Kontaktaufnahme und dann dem endgültigen Verlust dieses Teils der kleinen Dorothy, die einsamer und verzweifelter als zuvor in ihrem Kinderzimmer zurückbleibt.

Auch der zweite Film, den Melhus an diesem Abend zeigt, endet mit einem sehr einprägsamen Bild: In “Auto Center Drive” (2003), in dem unterschiedliche, von Melhus dargestellte „Science-Fiction“-Figuren mit den Stimmen von James Dean, Janis Joplin und Jim Morrison sprechen bzw. singen (“alles jung gestorbene Stars, und das ist wichtig!”, merkt der Künstler an), befindet sich der Protagonist “Jimmy” am Ende in einem Auto, das zunächst von einem Chauffeur gesteuert wird. Er beginnt, diesem etwas zu beichten, schaut zur Seite - und ist allein. Eine treffende Beschreibung des Lebens, in dem wir dahinrasen, ohne eine Ahnung zu haben, wer da eigentlich steuert.

Erschienen im “Argentinischen Tageblatt” vom 17.11.07.

MEACVAD-Buchveröffentlichungen

Im Rahmen des Euroamerikanischen Film-, Video- und Digitalkunstfestivals MEACVAD sind zwei Bücher erschienen:

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Du sollst Dir (k)ein Bildnis machen

13/10/2007

Martín Bonadeos Installation “Vánitas en tiempo real” im Prometeus-Saal des Centro Cultural Recoleta konfrontiert mit der eigenen Vergänglichkeit

Von Susanne Franz

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70 kg Sand, der in sechs Stunden durchrieselt: Martín Bonadeos Installation „Vánitas en tiempo real“ ist ein “lebendes” Kunstwerk, das vom Tod erzählt.

Man betritt einen langen, schmalen, verdunkelten Saal, eine Art düsteren Klostergang. Von sanften Geräuschen umfangen, schreitet man langsam auf einen grünlich schimmernden Gegenstand im hinteren Teil des Raumes zu - eine etwa zwei Meter hohe Sanduhr, die aus zwei in der Mitte aufeinander zulaufenden Dreiecken besteht. Vor der Sanduhr befindet sich ein Lichtkegel auf dem Boden. Stellt man sich ins Licht, wird das eigene Spiegelbild auf der aus Acrylglas bestehenden Oberfläche der Uhr sichtbar - ein in Echtzeit von einer Überwachungskamera gefilmtes Bild. Die Bewegungen des eigenen Oberkörpers, die eigene Mimik, von einem geisterhaften Licht erhellt, erscheinen auf die Oberfläche projiziert, wenn der obere Teil der Sanduhr gefüllt ist. Langsam rinnt der Sand nach unten - langsam zerrinnt das eigene Bild, verschwindet in der Mitte der Uhr, läuft nach unten. Schaut man lange genug auf das eigene Bild, fühlt man den Sog, der die Partikel des Körpers nach unten zieht. Nach und nach verschwindet der Sand, verschwindet man selbst. In einem weiteren Lichtkegel hinter der Sanduhr werden langsam Teile des eigenen Bildes wieder sichtbar.

Der Prometeus-Saal des Centro Cultural Recoleta wurde von der Firma Epson mit besonderen technologischen Raffinessen ausgestattet; das Unternehmen unterstützt experimentelle Künstler, die ihre Werke in technisch schlechter ausgerüsteten Räumen sonst nicht zeigen könnten. Der junge argentinische Konzeptkünstler Martín Bonadeo (geb. 1975), einer der talentiertesten Vertreter der Avantgarde des Landes, hat seine Installation “Vánitas en tiempo real” (Die Eitelkeit in Echtzeit) schon im Jahr 2001 für diesen Raum konzipiert. Nicht nur wegen der technischen Möglichkeiten und der finanziellen Hilfe, sondern weil der Raum im Centro Cultural Recoleta, einem ehemaligen Kloster, auch mystische Eigenschaften besitzt. Hinter der Mauer am Ende des Saales liegt der Recoleta-Friedhof - und in dem Saal sollen Geister spuken, wie nicht nur die sonst recht bodenständigen Mitarbeiter des Kulturzentrums zu berichten wissen.

In einer Zeit der schreienden Selbstdarstellung, des leeren Konsumzwangs, des Schönheitswahns, der jeden Gedanken an das Altern verdrängt, konfrontiert uns Martín Bonadeos Werk mit der eigenen Vergänglichkeit, mit dem Zerfall des eigenen Körpers, und macht deutlich, wie schwer es ist, diesen langen dunklen Weg zu gehen, sich ins Spotlight zu stellen, sich selbst ins Gesicht zu sehen und lange genug hinzuschauen, um zu erkennen, dass man endlich ist. Wenn man es gewagt hat, wird man belohnt: mit der Erkenntnis, dass das eigene Bild “am anderen Ende” wieder auftaucht, da hinten nahe der Friedhofsmauer, bei den Geistern. Der unvermeidliche Tod ist nicht das Ende, sondern nur ein Übergang in eine andere Dimension.

Martín Bonadeo hat bewusst in dieser Inatallation mit dem Klangkünstler und Komponisten Oliverio Duhalde zusammengearbeitet, der eine gelungene Geräuschkulisse (Wind, rinnender Sand, rauschende Wellen) zu diesem düster-hoffnungsvollen Werk geschaffen hat. Oliverio habe damit seine eigene Interpretation zu dem Kunstwerk beigetragen, sagt Bonadeo. So wie auch jeder einzelne Betrachter, der sich vor diese Sanduhr des Lebens stellt, zu einem Teil des Kunstwerks wird, seine eigene Interpretation, seinen eigenen Körper, sein eigenes Leben beisteuert.

Martín Bonadeo, „Vánitas en tiempo real“, Multimedia-Installation. Centro Cultural Recoleta, Prometeus-Saal, Junín 1930. Di-Fr 14-21, Sa, So und feiertags 10-21 Uhr, Eintritt 1 Peso. 13.9.-16.10.

Erschienen im “Argentinischen Tageblatt” vom 13.10.07.

“Ich liebe die Farben”

6/10/2007

Alfredo Plank, dem einzigen deutschen Kunstmaler in Argentinien, ist im Quinquela-Martín-Museum eine “kleine Retrospektive” gewidmet

Von Susanne Franz

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Alfredo Plank: “Helena y Betsabé”, Acryl auf Leinwand, 100 x 100 cm, 2003.

Wer am heutigen Samstag, dem 6. Oktober, das Angebot der Langen Museumsnacht wahrnimmt, sollte einen Besuch im Quinquela-Martín-Museum im Stadtviertel La Boca einplanen. Um 19 Uhr wird hier eine Ausstellung des einzigen deutschen Kunstmalers in Argentinien, Alfredo Plank, eingeweiht. Im großen Mi-guel-Victorica-Saal im zweiten Stock dieses interessanten Museums wird man dann an die 30 Gemälde Planks bewundern können, von denen das älteste 20 Jahre zurückdatiert und die jüngsten von 2007 stammen. “Eine kleine Retrospektive” nennt der 1937 als Sohn deutscher Eltern in Buenos Aires geborene Maler denn auch diese Ausstellung.

Plank, der 1959 in Argentinien die Manuel Belgrano-Kunstakademie abschloss und sich im Jahr 1974 mit einem Postgraduiertenstipendium an der Akademie der Schönen Künste in München fortbildete, stellt - auch wenn es skurril klingen mag - eine perfekte Mischung aus waschechtem, gemütlichen Bayern und miss-trauischem Porteño dar. Da er die Hälfte des Jahres in München und die andere in Buenos Aires lebt, passt er mit diesen Eigenschaften gut in die zwei so unterschiedlichen Gesellschaften. Doch da hört seine Anpassungsbereitschaft auch schon auf - in seiner künstlerischen Kreativität ist Plank unbeugsam unabhängig von allen Einflüssen und ein leidenschaftlich anarchistischer Verfechter der individualistischen Freiheit. In seiner letzten Einzelausstellung im Jahr 2005 in der Galerie agalma.arte wählte er entsprechend einen Leitspruch von Antonin Artaud: “Ich weiß, dass ich, was die brennenden Fragen der Aktualität angeht, alle freien Menschen auf meiner Seite habe, alle wahren Revolutionäre, die die Freiheit des Einzelnen für wichtiger ansehen als alle anderen Errungenschaften.”

Alfredo Plank, der seine Werke seit seiner ersten Ausstellung vor fast 50 Jahren, 1958, in unzähligen Einzel- und Gemeinschaftsausstellungen gezeigt hat und dessen Gemälde sich in zahlreichen privaten und öffentlichen Sammlungen im In- und Ausland befinden, ist ein Meister der Komposition und Farbgebung. “Ich mische niemals Farben, und diese Technik habe ich erfunden!”, erklärt der jugendlich wirkende 70-Jährige seine Arbeitsweise, immer nur reine Farbtöne zu verwenden. “Ich liebe die Farben!”, sagt Plank, der mit Acryl malt und in aller Herren Länder alles kauft, was er nur bekommen kann, denn ein Farbton aus den USA ist immer ein wenig anders als der gleichnamige aus Argentinien, Frankreich oder Deutschland. So regiert dieser König der Farben über ein ganzes Reich an Farbtönen. Mischen ist gar nicht nötig, denn Alfredo weiß intuitiv, in welchem Moment welche Farbe für ein im Entstehen befindliches Werk benötigt wird. “Es ist ein Gefühl, eine Ge-wissheit, die mit der Erfahrung kommt”, beschreibt er die eigenwillige und doch so perfekte Farbgebung seiner Gemälde. Manchmal experimentiert er, bis er ganz sicher ist, genau das erreicht zu haben, was er erreichen wollte.

Auch in der Komposition geht Alfredo Plank eigene Wege. Sind seine Porträts zum Großteil expressionistisch verhaftet, stehen sie oft in einem surrealistischen Kontext, was im Zusammenwirken mit der Plank’schen Farbgebung sofort die Aufmerksamkeit und Neugierde des Beschauers weckt - der sich mit einem Gemälde jedoch auch lange Zeit beschäftigen kann, da sich immer wieder neue Sicht- und Interpretationsweisen eröffnen.

Alfredo Planks gestalterische Kraft drückt sich auch in der Vielfalt seiner Themen aus. So vereint die Retrospektive Porträts wie das Quinquela Martín gewidmete Gemälde “A Don Benito Chinchela Martín” (in Anspielung an den wirklichen Namen des “Malers von La Boca”), Selbstporträts wie “Ecce Homo - Autorretrato con pijama”, Bilder aus Planks Stierkampf-Serie oder “Allegro fortissimo”, eine Reihe wohlbeleibter Damen in einem türkischen Bad - oder “Rugby”, eine packende, dynamische Spielszene. Hat er dieses Bild wegen der momentan die Gemüter bewegenden Rugby-Weltmeisterschaft gemalt? “Aber nein - ich liebe Rugby! Ich habe früher selbst gespielt”, sagt Plank - in jeder Hinsicht immer für eine Überraschung gut.

Alfredo Plank, “Pequeña Retrospectiva”, Gemälde. Museo de Bellas Artes “Benito Quinquela Martín”, Av. Pedro de Mendoza 1835, La Boca. Anfahrt mit den Buslinien 64, 53, 20, 152, 29. Öffnungszeiten dienstags bis sonntags 10-18 Uhr. Vernissage: 6.10., 19 Uhr. Bis 4.11.

Erschienen im “Argentinischen Tageblatt” vom 06.10.07.

Geballte Energie

23/06/2007

Graciela Dietl in der Galerie Bohnenkamp & Revale

Von Susanne Franz

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“Sin parar”, Acryl auf Leinwand, 110 x 130 cm, 2006.

Nicht die Fortbewegung steht im Mittelpunkt, sondern die Lust am Sich-Fortbewegen; nicht die Pflicht, von einem Punkt-zum anderen zu gelangen, sondern das Vergnügung, unterwegs zu sein. Motorradfahren ist etwas für Genießer, ein Luxus, für viele auch ein Rausch. Soll der normale Mensch doch Auto fahren.

Waren es in der letzten Einzelausstellung der Künstlerin Graciela Dietl (2004 in der Galerie van Riel) Lokomotiven, die als Auslöser für ihre expressiven Gemälde dienten, sind es in der Exposition, die sie zur Zeit in der Galerie Bohnenkamp & Revale zeigt, ebenjene schweren Maschinen, die das Herz des Liebhabers höherschlagen lassen. Es ist sogar ein ganz bestimmtes Motorrad, nämlich die wunderschöne BSA von 1948 ihres Sohnes Rolf, die die jüngste Produktion der Künstlerin “losgekickt” hat - der gepflegte Oldtimer ist ebenso wie die etwa 30 Malereien Dietls in der Galerie zu bewundern.

Graciela Dietl hat mit ihrem unverwechselbaren, aber dennoch weitgefächerten, dynamischen Stil Werke verschiedenster Formate geschaffen - vom großzügigen Dyptichon bis hin zu kleinen quadratischen Bildern -, in denen sie die wilde Energie, den Übermut und die Lebensfreude des Motorradfahrens heraufbeschwört. Doch auch Respekt schwingt mit in den Gemälden Dietls, die, wie gewohnt, durch ihre Vielseitigkeit, Stilsicherheit und Kreativität bestechen.

Graciela Dietl hat seit 1992 zahlreiche Einzel- und Gemeinschaftsausstellungen durchgeführt, nicht nur in Argentinien, sondern auch in Deutschland, Österreich, Italien und Griechenland. Ihre Werke befinden sich in Privatsammlungen im In- und Ausland.

Bis zum 29. Juni hat man Gelegenheit, ihre jüngste Produktion in der schönen Galerie Bohnenkamp & Revale (Maipú 979/981), die erst im vorigen Jahr neu eröffnet wurde, zu sehen.

Erschienen im “Argentinischen Tageblatt” vom 23.06.07.

Skulpturen voller Leben

16/06/2007

José Piuma stellt in der Galerie Atica aus

Von Susanne Franz

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Es gefällt ihm, wenn man sie berührt. An denjenigen Skulpturen, die aufklappbar sind, hat der Bildhauer José Piuma sogar Einkerbungen auf und unter dem Deckel angebracht, in die die Finger einer Hand passen. Dennoch packt den Betrachter eine Art heilige Scheu, die liebevoll gearbeiteten Objekte anzufassen. Sie erzeugen ein derart dichtes Spannungsfeld, dass man Angst hat, sie mit der Berührung zum Leben zu erwecken.

Mit metaphorischem Leben füllt der Bildhauer diejenigen seiner Werke, die ein aus Holz gefertigtes Herz enthalten, mit schräg abgesägten Kupferrohren, die die Schlagadern darstellen. In “Democracia en el país del Trigo” - dem einzigen politischen Werk in dieser sehr persönlichen Ausstellung Piumas - sind es übereinandergeschichtete rostige Nägel, die die Menschen symbolisieren, die von ihrem Land nicht gut behandelt werden.

Piuma vereinigt in seinen Skulpturen die unterschiedlichsten Materialen: wertvolle Hölzer, die er poliert und teils kunstvoll verziert - oder aber verbranntes Holz, zu Zacken geschmiedetes Eisen, Nägel, Drahtseil, Stein, Glas - und dann wieder edlen Marmor.

Die explosive Spannung in seinen Werken wird durch die Mischung dieser gegensätzlichen Elemente erzeugt. So sind in der Skulptur “Un mundo mejor” auf einem Block verbrannten Holzes schmiedeeiserne Zacken wie ein bedrohlicher Speerwald angeordnet. In der Mitte der Stachelfestung steht ein kleiner, weißer reiner Block Marmor - die innere Welt, die bei aller Härte ringsherum intakt bleibt.

Die Ausstellung, die José Piuma momentan in der Galerie Atica zeigt, besteht fast ausschließlich aus Werken, die er in diesem Jahr geschaffen hat. Der kreative Prozess, der ihn zu ihrer Vollendung geführt hat, hat viel länger gedauert: “Diese Skulpturen sind alle Bilder meiner Familie”, sagt Piuma - Bilder, die er teils schon seit Jahren in sich getragen hat.

Piuma, der 1969 in Temperley geboren wurde (wo er auch die “Primaria” der deutschen Schule besuchte), ist ein religiöser Mensch und hat neben seiner abstrakten künstlerischen Bildhauerarbeit auch viele religiöse Werke geschaffen - Altäre, Heiligenfiguren und vieles andere. Man kann auf seiner Webseite www.piuma.com.ar einen kleinen Einblick in seine schöne Produktion erhalten.

Seine hervorragenden tiefgründigen Skulpturen der Serie “Rescoldo” kann man dagegen “live” noch bis zum 23. Juni in der Galerie Atica, Libertad 1240, PB “9”, betrachten (Mo-Fr 11-13 und 15-20, Sa 11-13.30 Uhr).

Erschienen im “Argentinischen Tageblatt” vom 16.06.07.

Aus dem Bauch heraus

3/10/2006

Jorge Kleiman stellt bei Coppa Oliver aus

Von Susen Hermann

Kleiman.JPGJorge Kleiman lebte 18 Jahre lang in Spanien. Jetzt kehrte der Maler in sein Heimatland Argentinien zurück. Mit im Gepäck trug der Künstler seine neuesten Arbeiten, die er vom 05. bis 31. Oktober in der Galerie Coppa Oliver in der Talcahuano 1287 vorstellen wird. Die Eröffnung findet am 04. Oktober um 19 Uhr statt.

“La imagen inconsciente” (Das unbewusste Bild) ist der Name der Ausstellung und verrät, dass es sich bei den Bildern nicht um geplante und vorskizzierte Werke handelt. Kleiman malt aus dem Bauch heraus und beschreitet den Weg des Automatismus, den vor ihm schon Künstler wie Picasso, Miró, Tanguy, Masson und Max Ernst eingeschlagen haben. Über diese Technik informiert auch sein Vortrag “Introducción al Automatismo en la Pintura” (Einführung in den Automatismus in der Malerei). Dieser findet am Mittwoch, den 18. Oktober, um 19 Uhr in den Ausstellungsräumen statt.

Erschienen am 16.09.06 im “Argentinischen Tageblatt”.

Abheben garantiert

27/05/2006

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Zeichnungen und Objekte von José Luis Anzizar bei Elsi del Río

Von Susanne Franz

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“Take-off”, 2005, Zeichnung auf Papier, 1,40 x 1,40 m.

Seit seinem sechsten Lebensjahr hat der Künstler José Luis Anzizar (geb. 1962) mehr als 625 Flugreisen unternommen - geschäftlich, privat, oder zu Forschungszwecken. Seine Ausstellung “Embarque inmediato” (Der Abflug steht unmittelbar bevor), die er noch bis zum 10. Juni in der Galerie Elsi del Río in Palermo Hollywood zeigt, ist eine Hommage an das Flugzeug, seinen Begleiter - oder vielmehr sein Transportmittel - auf so vielen Reisen.

Unterwegs-Sein ist nicht zum Lebensinhalt des Künstlers geworden, wohl aber seine bevorzugte Lebensform. In seinen wagemutigen, schwerelosen Zeichnungen dominieren Neugier, Offenheit, Abenteuerlust, Risikobereitschaft und das Sich-Einlassen auf das Ungewisse. Zugleich kommt ein Bewusstsein der eigenen Zerbrechlichkeit zum Ausdruck - in der Skizzenhaftigkeit seiner großzügigen Entwürfe, den Nahtstellen überall, den surrealistischen Elementen wie Spielzeugflugzeugen oder angedockten Ballettschuhen, den Bruchstellen in den Diptycha, etc. Anzizars Flughäfen wirken wie Körperorgane (ein Herz, eine Ansammlung von Zellen), denn “man passt besser auf sich auf, wenn man unterwegs ist”, sagt der Künstler.

Anzizars Werke sind so schwindelerregend wie die Momente, in denen man im Flugzeug sitzt und plötzlich das Gefühl hat, dass man stillsteht, obwohl man doch weiß, dass diese fliegende Blechbüchse mit 1000 Stundenkilometern dahindonnert.

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