“Werkzeug gegen Ungerechtigkeit”

Osvaldo Bayer präsentiert sein neues Buch “La Chispa”

Von Marcus Christoph


Das Interesse war groß. Die Schlange derjenigen, die eine persönliche Widmung des Autors haben wollten, schien kein Ende nehmen zu wollen: Osvaldo Bayer war mit seinen 90 Jahren noch einmal richtig gefordert bei der Vorstellung seines neuen Buches “La Chispa” (Der Funke), die am Sonnabend vergangener Woche im Gebäude der Gewerkschaft der Telekommunikationsarbeiter (FOETRA) im Buenos-Aires-Stadtteil Once stattfand.

Das Buch bezieht sich auf die gleichnamige Zeitung, die Bayer 1958 im patagonischen Esquel (Provinz Chubut) ins Leben rief. Während ihrer nur fünfmonatigen Existenz prangerte die Publikation soziale Missstände an. Sie attackierte die Großgrundbesitzer und berichtete detailliert über Landraub durch Geschäftsleute und Politiker zu Lasten der Urbevölkerung im Bezirk Cushamen. Bayer kritisierte zudem die wirtschaftsliberale Politik des damaligen Präsidenten Arturo Frondizi. In die Zeit von “La Chispa” fällt der Sieg der kubanischen Revolution, die von Bayer begrüßt wurde.

Bayer, der zuvor in Buenos Aires und Hamburg Geschichte und Philosophie studiert hatte, war nach Esquel gekommen, da er eine Anstellung bei der dortigen Lokalzeitung gefunden hatte. Wegen seiner sozialkritischen Texte wurde er jedoch entlassen und gründete mit “La Chispa” seine eigene Publikation. Sein journalistisches Schaffen hatte schließlich die Ausweisung aus der Provinz Chubut zur Folge. Zurück in Buenos Aires arbeitete Bayer dann als politischer Redakteur bei der Zeitung “Clarín”.

Breitere Bekanntheit erlangte er durch sein Buch “Patagonia Rebelde”, das den Aufstand patagonischer Landarbeiter um 1920 und dessen blutige Niederschlagung durch das Militär zum Thema hat. 1974 wurde das Werk durch Filmregisseur Héctor Olivera verfilmt. 1976 ging Bayer ins Exil nach Deutschland, von wo er 1983 nach Argentinien zurückkehrte.

In dem vorliegenden Buch sind ausgewählte Artikel Bayers gebündelt, die damals in “La Chispa” abgedruckt wurden. Zudem erläutern Texte von Kurator Bruno Nápoli und Verleger Ariel Pennisi den historischen Kontext. “Die Themen von damals wie Landraub und Ausbeutung sind auch heute noch aktuell”, begründet der Historiker Nápoli während des Podiumsgesprächs, weshalb die fast 60 Jahre alten Texte weiterhin interessant seien.

“Bei ‘La Chispa’ hat Osvaldo seinen Stil gefunden: direkt und verständlich für alle”, beschreibt Esteban Bayer, Osvaldo Bayers dritter Sohn, der selbst Journalist geworden ist und heute in Deutschland lebt. Verleger Pennisi bezeichnete “La Chispa” als Bayers “Werkzeug im Kampf gegen Ungerechtigkeit”. Mit seinem couragierten Einsatz für die Benachteiligten stelle Osvaldo Bayer eine “feste Koordinate für unser heutiges Schaffen” dar. Florencia Podestá, Dozentin für Kommunikation an der Nationaluniversität von Avellaneda, würdigte “La Chispa” als Beispiel für einen engagierten Journalismus, der der Wahrheit verpflichtet sei.

Schließlich ergriff auch Bayer selbst das Wort. Es müsse der Anspruch journalistischer Arbeit sein, dass sich die Wahrheit durchsetze. Das gelte damals wie heute. Er schloss seine kurze Ansprache mit einem Hoch auf die Freiheit, ehe er bei der anschließenden Autogrammstunde Schwerstarbeit zu verrichten hatte.

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Osvaldo Bayer beim Signieren der Bücher. Rechts sein Sohn Esteban, links von ihm Bruno Nápoli, der die Texte für das Buch zusammenstellte.
(Foto: Marcus Christoph)

Internationale Buchmesse von Buenos Aires

43. “Feria Internacional del Libro de Buenos Aires” wird am Donnerstag eröffnet

Von Susanne Franz


Drei Wochen, eine Million Besucher, 12.000 Experten aus der Buchbranche, 45.000 Quadratmeter Fläche, 1500 Aussteller aus 40 Ländern: Die Internationale Buchmesse von Buenos Aires ist ein Mammut-Event, das von vielen als das wichtigste Kulturereignis des Jahres gewertet wird. Die 43. Ausgabe der größten Buchmesse Lateinamerikas wird am Donnerstag, den 27. April, um 18.30 Uhr im Jorge Luis Borges-Saal im “Pabellón Frers” eröffnet. Die renommierte argentinische Schriftstellerin und Journalistin Luisa Valenzuela wird die Eröffnungsrede halten. Die Messe geht bis zum 15. Mai.

Zahlreiche Gäste aus dem Ausland haben ihr Kommen angesagt, darunter der deutsche Autor Bernhard Schlink, Carlos Ruiz Zafón, nach Cervantes der am meisten gelesene Spanier; der italienische Schriftsteller, Journalist und Dramaturg Alessandro Baricco, der US-Bestsellerautor John Katzenbach und die irische Romanschriftstellerin Cecelia Ahern. Aus der Gaststadt Los Angeles kommen Gregg Hurtiz, Jim C. Hines und Héctor Tobar.

Zum “Festival Internacional de Poesía”, das zum 12. Mal innerhalb der Buchmesse veranstaltet wird – vom 28. bis 30. April – kommen unter anderem der chilenische Dichter Raúl Zurita und die spanischen Poeten Luis García Montero und Andrés Sánchez Robayna. Das von der Jugend heiß geliebte Internationale Booktuber-Treffen – am 12. und 13. Mai – kann dieses Jahr im Rahmen seiner 3. Ausgabe den berühmten spanischen Booktuber Sebastián García Mouret als Stargast begrüßen.

Geöffnet ist die Messe montags bis freitags von 14 bis 22 Uhr, samstags, sonntags und am 1. Maifeiertag von 13 bis 22 Uhr. Der Eintritt kostet an Wochentagen 70 und am Wochenende und Feiertagen 100 Pesos. Es gibt zahlreiche Vergünstigungen. Zugänge zur Messe sind auf der Av. Santa Fe 4201, Av. Sarmiento 2704 und Av. Cerviño 4474. An der Av. Santa Fe stehen Rollstühle für Gehbehinderte bereit. Alle Infos hier.

Hommage an Rodolfo Walsh

Nationalbibliothek in Buenos Aires erinnert mit Ausstellung an den Journalisten

Von Marcus Christoph


Er gilt als Begründer des investigativen Journalismus: Rodolfo Walsh. Vor 40 Jahren, am 25. März 1977, wurde der kritische Journalist und Schriftsteller von Schergen der Militärdiktatur auf offener Straße in Buenos Aires erschossen. In der Nationalbibliothek in Buenos Aires erinnert in diesen Wochen die Ausstellung “Los oficios de la palabra” (Das Handwerk des Wortes) an Walsh.

Dargestellt wird das Werk des Autors in allen seinen Facetten. Beispielsweise Materialien und Manuskripte für Bücher wie “¿Quién mató a Rosendo?” (Wer erschoss Rosendo G.?), in dem Walsh über den Mord an dem Gewerkschaftsführer Rosendo García im Jahr 1966 schreibt.

Eine nachgestellte Müllkippe in einem Gang der Ausstellung erinnert an die Erschießungen auf der Müllhalde in José León Suárez (Provinz Buenos Aires) in der Nacht des 9. Juni 1956, veranlasst durch die damalige Militärregierung von Pedro Aramburu. Walsh traf einen Überlebenden des Massakers und begann zu recherchieren. Das daraus resultierende Werk “Operación Masacre” wurde zu einem Meilenstein der lateinamerikanischen Literatur und zu einem Vorläufer des New Journalism, der sich in den USA entwickelte. 1972 wurde “Operación Masacre” von Jorge Cedrón verfilmt. Am Drehbuch wirkte Walsh mit. Auf einer Wandprojektion kann man den Film in der Ausstellung sehen.

Walsh wirkte auch außerhalb von Argentinien. 1959 gründete er mit anderen Kollegen im revolutionären Kuba die Nachrichtenagentur “Prensa Latina” mit. Später kehrte er in sein Heimatland zurück und schrieb für die Zeitschriften “Primera Plana” und “Panorama”. 1973 schloss er sich der Guerrillabewegung “Montoneros” an, die er aber zwei Jahre später wieder verließ.

Nach dem Staatsstreich der Militärs 1976 gründete Walsh das Informationsnetzwerk ANCLA. Am 24. März 1977 verfasste er seinen “Offenen Brief eines Schriftstellers an die Militärjunta”, in dem er die Verbrechen des Militärregimes anprangerte. Diesen sandte er an argentinische Tageszeitungen und Auslandskorrespondenten. Die Machthaber veranlassten daraufhin die Verhaftung des Autors. Als dieser sich widersetzte, kam es zu einem Schusswechsel, bei dem Walsh ums Leben kam. Dies ereignete sich an der Straßenecke San Juan und Entre Ríos. Die dort befindliche U-Bahnstation der Linie E trägt heute den Namen “Entre Ríos – Rodolfo Walsh”.

Die Ausstellung in der Nationalbibliothek (Aguero 2502) ist noch bis Juli 2017 montags bis freitags von 9 bis 21 Uhr sowie sonnabends und sonntags von 12 bis 19 Uhr zu sehen.

Vulkan- und andere Ausbrüche

Der Roman “Territorium” von Germán Kratochwil – spannende und vielschichtige Lektüre

Von Susanne Franz

territoriumMit den Roman “Territorium”, der Ende 2016 im Picus-Verlag Wien erschienen ist, hat der österreichisch-argentinische Schriftsteller Germán Kratochwil seine Patagonien-Trilogie zu Ende geführt. Er begleitet die mit autobiographischen Zügen versehene Figur Ed Böhm, einen 77-jährigen ehemaligen Sozialwissenschaftler, in seine Holzhütte am Rande des idyllisch wirkenden patagonischen Städtchens Quemquemtréu. Die Hütte hatte vor vielen Jahren sein Vater dort errichtet, Ed hat sie mittlerweile mit ein wenig mehr Luxus ausgestattet – Strom und fließendem Wasser – und er fühlt sich dort wohl mit seinen Büchern und seinem Kater Zeno, dessen Gesellschaft er ebenso schätzt wie seine Unabhängigkeit.

Seine Frau Matilda hasst diese Einsiedelei. Sie bleibt in Buenos Aires, wo sie als Kinderärztin tätig ist, und im Grunde ist das Paar sich einig, dass Ed sich dann und wann auch für längere Zeit alleine nach Patagonien absetzt. Aber Matilda macht sich auch Sorgen um Ed, das vertraut sie ihrem Jugendfreund Carl Gustav, kurz Tse Ge, an, der auch mit Ed gut befreundet ist und diesen nun zum allerersten Mal in Patagonien besuchen will.

Tse Ge ist nicht der einzige Gast, den Ed erwartet – aus den Vereinigten Staaten kommt die Seismologin Clara Shuman, die Tochter seines alten Freundes Roy – und in die hat Ed sich Hals über Kopf verliebt. Zwischen Ed und der jungen Clara beginnt es gleich gehörig zu knistern, und als Tse Ge, der Bestseller-Autor aus Hamburg, der immer einen Spruch auf den Lippen hat, später hinzukommt, versucht er wieder einmal, wie schon damals bei Matilda, Ed die Angebetete auszuspannen.

Vor der Ankunft der beiden Gäste hat der Leser des sehr kurzweiligen und mit viel Sex gewürzten Romanes schon viele der Bewohner Quemquemtréus kennengelernt, denn fast alle Nachbarn waren auf einer Hochzeit: Rückwanderer aus Israel, die ein Hostel betreiben, in dem sich israelische Tramper auf ihrer Weltreise nach ihrem Militärdienst entspannen, der syrische Kaufmann Nadim Obeid, die 100-jährige Mapuche-Schamanin Kilakina Aurora und ihr elfjähriger Urenkel Cefo, der ihr einmal nachfolgen soll, der Aussteiger aus Italien Francesco Napoletano und seine Frau Betty sind nur einige davon. Auf den Ausflügen, die Ed in den folgenden Tagen mit Clara und Tse Ge unternimmt, begegnet man noch weiteren bunten Gestalten.

Auf den ersten Blick scheint die Multikulti-Gesellschaft in dieser paradiesischen Landschaft gut zu funktionieren und ein wahrer Rückzugsort von den Enttäuschungen der globalisierten Welt zu sein – aber unter der Oberfläche brodelt es. Das betrifft nicht nur die Gemeinschaft vonQuemquemtréu, wo es am Ende zu einem schrecklichen rassistischen Vorfall kommen wird, sondern auch den in der Nähe liegenden Vulkan Millaqueo, der wieder aktiv zu werden scheint. Und die Prophezeiungen der Schamanin sagen Fürchterliches voraus…

Von Anfang an sind alle Geschehnisse des vielschichtigen Romanes von Unruhe und Vorahnungen durchzogen. Kratochwil erzeugt mit sprachlicher Meisterschaft eine zugrundeliegende Spannung, die es schwer macht, das Buch aus der Hand zu legen.
Wenn man dementsprechend auch Einiges erwartet – am Ende verblüfft der Autor den Leser dann doch noch einmal vollkommen.

Großer deutscher Erzähler

Uwe Timm besucht Buenos Aires

timm
Das Werk des deutschen Autors Uwe Timm ist Ausgangspunkt für eine Reihe von Veranstaltungen der Universidad Nacional de San Martín, die sich rund um das Thema Erinnerung und Gewalt drehen. In der Bibliothek des Goethe-Instituts wird Timm außerdem seinen jüngsten Roman “Vogelweide” vorstellen, der nun vom Verlag UnsamEdita auf Spanisch veröffentlicht wird. Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2013, fragt “Vogelweide” nach dem Preis des Verlangens.

Während seines Besuches in Argentinien ist Uwe Timm die Verbindung zu einer Serie von Begegnungen zum Thema Erinnerung und Gewalt, welche auf dem Campus Miguelete der UNSAM veranstaltet werden. Teilnehmen werden auch der argentinische Autor Patricio Pron, die österreichische Schriftstellerin Eva Menasse und Martin Hielscher, Verleger, Literaturkritiker, deutscher Übersetzer und Biograph von Timm.

Uwe Timm ist einer der großen zeitgenössischen deutschen Erzähler und Autor von fast dreißig Veröffentlichungen. Auf Spanisch erschienen bereits “Johannisnacht”, “Die Erfindung der Currywurst”, “Der Mann auf dem Hochrad”, “Der Schlangenbaum”, “Von Anfang und Ende” und “Am Beispiel meines Bruders”.

  • 8.11., 19 Uhr. Uwe Timm präsentiert seinen Roman “Vogelweide” im Goethe-Institut, Av. Corrientes 343. Eintritt frei. Mit Uwe Timm, Patricio Pron, Daniela Verón (UnsamEdita), Macarena Mohamad (Übersetzerin) und Tito Lorefice (Kunstintervention).
  • 7.11., 9.11. und 11.11., jeweils ab 16 Uhr. Symposium “Erinnerung und Gewalt”, Auditorium Tanque auf dem Campus Miguelete der UNSAM. Die Veranstaltungen sind öffentlich und gratis.

Infos hier.

Foto:
Uwe Timm.
(Foto: Pablo Carrera Oser)

Jugendlicher Mega-Event

Die Buchmesse von Buenos Aires verzeichnet erneut Besucherrekord

Von Julia Kornberg

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Die 42. Buchmesse von Buenos Aires oder “Feria del Libro Internacional” übertraf auch dieses Jahr die Erwartungen des Veranstalters und hatte von ihrer Eröffnung am 21. April bis zum Schlusstag am 9. Mai etwa 1.2 Millionen Besucher. Im Rahmen des Mega-Events boten 571 Aussteller über 1500 Veranstaltungen an, zu Gast waren 1623 argentinische Schriftsteller und 138 ausländische Autoren.

Unter anderen Persönlichkeiten signierten Soy Germán, Rick Yancey, Quino, Sophie Jordán, Ricardo Bochini, Dross, Milo Lockett, Tiffany Calligaris und Gabriel Rolón ihre Bücher und trafen ihre Fans. Größere Stars wie Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa oder Kinderfilmstar Soy Luna waren auch dabei.

Das Massenphänomen Buchmesse fand dieses Jahr vor allem bei Jugendlichen großen Anklang – am Booktubers-Meeting (Foto) nahmen beispielsweise 1000 junge Menschen teil, und “Young-Adult”-Fiktionen wie “The Fifth Wave” von Rick Yancey waren absolute Bestseller.

Nächster Stopp ist Los Angeles, Kaliforniien – die Gaststadt für die internationale Buchmesse 2017.

Die Dichte alltäglicher Wörter

Die Dichterin und Liedermacherin Lydia Daher kommt zur Internationalen Buchmesse von Buenos Aires

lydia_daherLydia Daher, Tochter deutsch-libanesischer Eltern, ist Musikerin und Collage-Künstlerin. Mit einer spielerischen Herangehensweise erkundet sie die Dichte oft alltäglicher Wörter, ihre Schwere und ihre spezifischen Gegenständlichkeiten. Vom Goethe-Institut eingeladen, wird sie bei ihrem ersten Besuch in Buenos Aires an verschiedenen Aktivitäten zusammen mit der chilenischen Dichterin und Übersetzerin Camila Fadda Gacitúa im Rahmen der 42. Internationalen Buchmesse von Buenos Aires und mit dem argentinischen Musiker Nicolás Melmann im Kulturzentrum Matienzo teilnehmen. Außerdem wird sie im Rahmen der Initiative “Schulen, Partner der Zukunft” einen Workshop zu audiovisueller Poesie anbieten.

Am 21.04. um 20.30 Uhr findet im Saal Haroldo Conti auf der Buchmesse die Veranstaltung “Das Ende der Affirmation. Ein Sammelband neuester deutscher Dichtung” (27pulqui/Vox) statt, ein Gespräch und eine Lesung mit Lydia Daher, Léonce Lupette, Cinthia Quirós, Camila Fadda Gacitúa, Mario Caimi und Martina Fernández Polcuch, moderiert von Fernando De Leonardis.

Am 23.04. um 20 Uhr kann man Lesungen von Lydia Daher und Camila Fadda Gacitúa beim Internationalen Poesie-Festival der Buchmesse Buenos Aires erleben.

Am 24.04. um 19 Uhr präsentieren Nicolás Melmann, Lydia Daher und Camila Fadda Gacitúa im Kulturzentrum Matienzo bei freiem Eintritt ein Klangereignis und audiovisuelle Poesie, vorgestellt durch Fernando De Leonardis.

Als Tochter einer deutschen Mutter und eines libanesischen Vaters wurde Lydia Daher 1980 in Deutschland geboren. Sie wuchs zwischen Berlin und Köln auf und entschied sich gegen den Strom junger Erwachsener ihrer Generation für die eher beschauliche Stadt Augsburg, um dort Künstlerin zu werden: Dichterin, Liedermacherin und Collagistin.

Inzwischen hat sie sich wieder in der deutschen Hauptstadt niedergelassen, arbeitet gewöhnlich mit anderen Künstlern des Musikbereichs und der bildenden Kunst zusammen und ist außerdem Kuratorin interdisziplinärer Veranstaltungen.

Spielerisch erkundet Lydia Daher die Dichte oft alltäglicher Wörter, ihre Schwere und ihre spezifische visuellen und akustischen Gegenständlichkeiten. Daher nutzt häufig die Technik des Cut-Up, wie in ihrem Gedicht- und Collagenband “Und auch nun, gegenüber dem Ganzen – dies”: Ein ganzes Jahr lang schnitt oder riss sie Bilder aus Zeitungen und Zeitschriften und einzelne Wörter aus Literaturkritiken aus, um diese später in einer neuen synthetischen Reihenfolge zu kombinieren, ohne ihnen etwas hinzuzufügen.

“In dem ihr eigenen, oft lakonischen, immer aber skeptisch schönen Ton der Ratlosen bezieht sie Position zu einer Informationswelt, die so brüchig und zerrissen ist wie die Collagen selbst”, beschreibt die deutsche Lyrikerin Ulrike Almut Sandig die Arbeit von Lydia Daher.

Für ihre Texte, von denen einige ins Arabische, Polnische, Kantonesische, Englische und Spanische übersetzt wurden, erhielt Lydia Daher zahlreiche Auszeichnungen.

(Feria Internacional del Libro Buenos Aires, La Rural, Av. Santa Fe 4201, und Club Cultural Matienzo, Pringles 1249)

Moderner Minnesang

Wortspiele im Kulturverein Matienzo

Von Julia Kornberg

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“Deine Wörter durchbrechen keine Wände? / Veränder Deine Wörter!”, schrieb Vicente Luy (Dichter und Schriftsteller) im Jahr 2003, als allmählich eine neue Generation von Dichtern in Buenos Aires auftauchte. Mit kurzen, überwältigenden Sätzen begann Luy mit einer unnachahmlichen Eloquenz zu schreiben – begleitet wurde er von Schriftstellern und Schauspielern wie Alejandro Urdapilleta oder José Sbarra. Unter dem Einfluss von “Slam-Poetr”, einer US-amerikanischen literarischen Strömung der 80er Jahre, ist schließlich die junge, moderne Bewegung der Performance-Poesie in Argentinien geboren.

Eine der besten Veranstaltungen dieser Bewegung fand am Samstag im Kulturverein Matienzo (Pringles 1249) statt. Bei dem sogenannten “Slam de Poesía Oral” war aber Literatur nur ein Teil – der Rest war die Stimme, der Körper. Die Verse hatten eine bestimmte Aufführung, die die Grenzen zwischen Literatur, Musik, Theater und Humor herausforderte. Darüber hinaus ging es auch, wie in die 80ern in Chicago, um einen Vortragswettbewerb: junge Dichter trugen ihre eigenen Wörter vor und kämpften damit um den Titel des “Slam Champion” der Nacht – alles war aber nur ein Spiel: eine Art von modernem Minnesang der Jugendkultur, die gleichzeitig die literarische Tradition infrage stellte.

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Fotos:
Die Körper der Dichter, die man als Leser normalerweise vergisst, spielen bei der Performance eine wesentliche Rolle.
(Fotos: Milagros Morsella)

Die Dichte alltäglicher Wörter

Die Dichterin und Liedermacherin Lydia Daher kommt zur Internationalen Buchmesse von Buenos Aires

lydia_daherLydia Daher, Tochter deutsch-libanesischer Eltern, ist Musikerin und Collage-Künstlerin. Mit einer spielerischen Herangehensweise erkundet sie die Dichte oft alltäglicher Wörter, ihre Schwere und ihre spezifischen Gegenständlichkeiten. Vom Goethe-Institut eingeladen, wird sie bei ihrem ersten Besuch in Buenos Aires an verschiedenen Aktivitäten zusammen mit der chilenischen Dichterin und Übersetzerin Camila Fadda Gacitúa im Rahmen der Internationalen Buchmesse Buenos Aires und mit dem argentinischen Musiker Nicolás Melmann im Kulturzentrum Matienzo teilnehmen. Außerdem wird sie im Rahmen der Initiative “Schulen, Partner der Zukunft” einen Workshop zu audiovisueller Poesie anbieten.

Am 21.04. um 20.30 Uhr findet im Saal Haroldo Conti auf der Buchmesse die Veranstaltung “Das Ende der Affirmation. Ein Sammelband neuester deutscher Dichtung” (27pulqui/Vox) statt, ein Gespräch und eine Lesung mit Lydia Daher, Léonce Lupette, Cinthia Quirós, Camila Fadda Gacitúa, Mario Caimi und Martina Fernández Polcuch, moderiert von Fernando De Leonardis.

Am 23.04. um 20 Uhr kann man Lesungen von Lydia Daher und Camila Fadda Gacitúa beim Internationalen Poesie-Festival der Buchmesse Buenos Aires erleben.

Am 24.04. um 19 Uhr präsentieren Nicolás Melmann, Lydia Daher und Camila Fadda Gacitúa im Kulturzentrum Matienzo bei freiem Eintritt ein Klangereignis und audiovisuelle Poesie, vorgestellt durch Fernando De Leonardis.

Als Tochter einer deutschen Mutter und eines libanesischen Vaters wurde Lydia Daher 1980 in Deutschland geboren. Sie wuchs zwischen Berlin und Köln auf und entschied sich gegen den Strom junger Erwachsener ihrer Generation für die eher beschauliche Stadt Augsburg, um dort Künstlerin zu werden: Dichterin, Liedermacherin und Collagistin.

Inzwischen hat sie sich wieder in der deutschen Hauptstadt niedergelassen, arbeitet gewöhnlich mit anderen Künstlern des Musikbereichs und der bildenden Kunst zusammen und ist außerdem Kuratorin interdisziplinärer Veranstaltungen.

Spielerisch erkundet Lydia Daher die Dichte oft alltäglicher Wörter, ihre Schwere und ihre spezifische visuellen und akustischen Gegenständlichkeiten. Daher nutzt häufig die Technik des Cut-Up, wie in ihrem Gedicht- und Collagenband “Und auch nun, gegenüber dem Ganzen – dies”: Ein ganzes Jahr lang schnitt oder riss sie Bilder aus Zeitungen und Zeitschriften und einzelne Wörter aus Literaturkritiken aus, um diese später in einer neuen synthetischen Reihenfolge zu kombinieren, ohne ihnen etwas hinzuzufügen.

“In dem ihr eigenen, oft lakonischen, immer aber skeptisch schönen Ton der Ratlosen bezieht sie Position zu einer Informationswelt, die so brüchig und zerrissen ist wie die Collagen selbst”, beschreibt die deutsche Lyrikerin Ulrike Almut Sandig die Arbeit von Lydia Daher.

Für ihre Texte, von denen einige ins Arabische, Polnische, Kantonesische, Englische und Spanische übersetzt wurden, erhielt Lydia Daher zahlreiche Auszeichnungen.

(Feria Internacional del Libro Buenos Aires, La Rural, Av. Santa Fe 4201, und Club Cultural Matienzo, Pringles 1249)

Serie der Superlative

Game of Thrones: Wie eine Fantasy-Serie die Welt erobert

Von Meike Michelmann gen. Lohmann

Emmy Nominations
“Valar Morghulis!” – “Alle Männer müssen sterben!” heißt die Losung, die in Hochvalyrisch, einer Sprache aus der Welt von “Game of Thrones” verfasst wurde. Die zwei Worte werden in George R. R. Martins Bücher-Epos und der filmischen Adaption nicht nur häufig als Begrüßung verwendet, ihre Bedeutung kann man auch als roten Faden der Fantasy-Reihe verstehen. Denn gestorben wird viel in und um Westeros, dem Hauptschauplatz der Geschichte.

Dieser in vielen Dingen mittelalterlich anmutende Kontinent unterteilt sich in sieben Königreiche, die von der Hauptstadt Kings Landing aus regiert werden. Dort herrscht der König auf dem Eisernen Thron, einem martialischen Ungetüm, geschmiedet aus den Schwertern getöteter Feinde. Doch um die Frage, wer rechtmäßig auf diesem Thron Platz nehmen darf, ist ein erbitterter und blutiger Kampf ausgebrochen.

Mehrere der altehrwürdigen Familien in Westeros erheben Anspruch auf den Thron und sehen ihre Anführer als rechtmäßige Könige. Darunter die skrupellosen Lannisters, die reich an Gold, aber arm an Mitgefühl sind. Oder die letzte Überlebende der Targaryens, eines der ehemals größten Häuser und Herrscher über die Drachen.

Doch der Machtkampf um den Eisernen Thron ist nicht das größte Problem. “Der Winter naht” ist nicht nur der Wahlspruch des altehrwürdigen Hauses der Starks von Winterfell, sondern kündigt auch eine reale Gefahr an. In Westeros gibt es keine normalen Jahreszeiten. Nach einem langen, heißen Jahrzehnt stehen die Königreiche kurz vor dem Einbruch eines schrecklichen Winters.

Die Starks sind die Herrscher des Nordens und haben ihren Sitz nicht weit entfernt von einer riesigen Mauer aus Eis. Diese schützt seit Jahrtausenden das Königreich vor den Wesen jenseits der Mauer. Dahinter warten Riesen, barbarische Wildlinge, weiße Wanderer – Un-tote, die sich von Menschen ernähren – und weitere Schrecken. Durch den nahenden Winter wird das Böse immer stärker und der Schutz der Mauer zusehends brüchiger.

Legaler und illegaler Spitzenreiter

Das ist nur eine grobe Skizze des an Komplexität kaum zu überbietenden Fantasy-Epos des US-amerikanischen Autors George R. R. Martin. Tolkiens Mittelerde wirkt daneben geradezu niedlich. Das erste Buch der mittlerweile 6-teiligen Saga wurde 1996 veröffentlicht. 2011 folgte dann die filmische Adaption von “Die Herren von Winterfell” in Form einer Serie. Seitdem fiebern die Menschen rund um den Globus jeder neuen Staffel entgegen. Die mittlerweile fünf Staffeln gehören zu den erfolgreichsten Sendungen aller Zeiten. Die Erstausstrahlungen der einzelnen Folgen beim US-Sender HBO hatten mehr als 18 Millionen Zuschauer verfolgt.

Auch bei illegalen Downloads und Streams ist “Game of Thrones” Spitzenreiter. Die letzte Folge der fünften Staffel wurde in der ersten Woche nach ihrem Erscheinen 10 Millionen Mal heruntergeladen. Für den wichtigsten Fernsehpreis der Welt, die US-amerikanischen “Emmys”, wurde die Serie sogar in 24 Kategorien nominiert. Bei der Preisverleihung im September tritt sie unter anderem in der Hauptkategorie Beste Dramaserie an.

Kein Heldenbonus

Doch was ist das Erfolgsrezept hinter “Game of Thrones”? Das erwähnte Sterben ist ein zentraler Punkt. Keine Figur, sei sie auch noch so heldenhaft, ist davor sicher. Der Zuschauer muss immer um seine Lieblingscharaktere fürchten. Autor George R. R. Martin selber fasste sein Konzept treffend in einem Interview mit dem US-Talkmaster Conan O’Brien zusammen: “Wir haben alle Filme gesehen, in denen der Held in der Klemme steckt – er ist von 20 Leuten umzingelt, aber man weiß, dass er davonkommen wird, weil er der Held ist. (…) Ich will, dass meine Leser und die Zuschauer Angst haben, wenn meine Charaktere in Gefahr sind. Ich will, dass sie sich davor fürchten, umzublättern, weil es der nächste Charakter nicht überleben könnte.”

Und George R. R. Martin hat kein Erbarmen mit seinen Fans. Fröhlich lässt er einen Lieblingscharakter nach dem anderen erstechen, verbrennen oder köpfen, und das gerne sehr detailliert und mit einer Extraportion Blut und Innereien. Denn nicht nur die Landschaften, Hierarchien und Ritter der Bücher erinnern ans finstere Mittelalter. Brutale Gewalt und sexuelle Exzesse sind die größten Steine, an denen sich Kritiker der Serie stoßen. Folter, Inzest, Vergewaltigungen und blutige Gemetzel sind elementarer Bestandteil der Intrigen und Schlachten um den Eisernen Thron. Bei soviel Nacktheit verwundert es kaum, dass einige der Charaktere in der Serie mit Akteuren aus der Erotikbranche besetzt wurden. Wie die deutsche Schauspielerin Sibel Kekilli, die vor ihrer Schauspielkarriere mehrere Erwachsenenfilme drehte. Sie spielt die Rolle von Shae, einer Prostituierten und Geliebten.

Ungewisses Ende

Aktuell gibt es fünf Bücher und mit der im April erschienenen fünften Staffel ist der Handlungsverlauf jetzt gleichauf. Obwohl noch kein Erscheinungsdatum für das nächste Buch angekündigt wurde, wird es nächstes Jahr trotzdem eine neue Staffel der Serie geben. Schon in den letzten Staffeln gab es kleinere Abweichungen von der Originalgeschichte. In der nächsten Staffel wird es dann ganz ohne eine Buchvorlage weitergehen.

Die Produzenten der Serie David Benioff und Daniel B. Weiss versichern aber, dass es trotzdem und in Absprache mit George R. R. Martin auf höchstem Niveau weitergehen wird. Die Serie ist keine Eins-zu-Eins-Kopie der Bücher, was den Suchtfaktor aber keinesfalls vermindert. So bleibt es auch für all diejenigen, die die Bücher bereits gelesen haben, spannend. Und umgekehrt können auch Serienfans beim nachträglichen Lesen der Bücher noch überrascht werden.

Foto:
Dunkle Gestalten und raue Sitten herrschen in Westeros.

Musik aus dem Exil

Eine Hommage an das Leben und Werk von Paul Walter Jacob

Von Meike Lohmann

Como vino la mano - CS6 Editable 04Die Musik war seine große Leidenschaft. Anfang des letzten Jahrhunderts, als Kind einer Arbeiterfamilie in Duisburg geboren, begann Paul Walter Jacob früh, sich für Musik zu interessieren. Nach der Schule studierte er, gegen den Wunsch seines Vaters, an der Kunsthochschule Berlin und arbeitete als Schauspieler und Regisseur mit verschiedenen Opern-Ensembles im Ruhrgebiet. Verfolgt von den Nazis floh er 1939 nach Argentinien ins Exil. Nur ein Jahr später gründete er die “Freie Deutsche Bühne”, das zu dieser Zeit einzige deutsche Theater im Exil. Daneben begann er auch für das “Argentinische Tageblatt” zu schreiben.

Jacob setzte sich für den Erhalt und die Aufzeichnungen der durch die Nazionalsozialisten verbotenen Musiker wie Mendelssohn Bartholdy, Mahler oder Schoenberg und deren Stücke ein. Die von ihm ins Leben gerufene Konferenz “Verbotene Musik” war einer der wenigen Versuche, das Thema während des Hitler-Regimes in die Öffentlichkeit zu bringen. Einige Jahre nach Ende des Krieges kehrte Jacob zurück nach Deutschland, wo er bis zu seinem Tod im Jahre 1977 blieb.

Das im Mai erschienene Buch “Paul Walter Jacob y las músicas prohibidas durante el nazismo” ehrt Leben und Werk des Künstlers, der nicht nur Musiker und Schauspieler, sondern auch Rebell und Freiheitskämpfer war. Die Autoren Silvia Glocer, Doktorin der Kunstgeschichte an der UBA, und Robert Kelz, Professor der Germanistik an der Universität von Memphis, vereinen die Geschichten eines deutschen Flüchtlings in Südamerika und der Rolle der Musik während der Nazizeit. Erstmals wird auch eine spanische Version der Konferenz “Verbotene Musik” veröffentlicht. Daneben finden sich weitere Schriftstücke und der Briefwechsel zwischen Paul Walter Jacob und seinem Freund, dem damals ebenfalls im Exil lebenden Orchesterleiter Fritz Busch.

“Ich will mich beim Schreiben selber überraschen lassen”

Interview mit dem deutschen Schriftsteller Sebastian Fitzek nach seiner Lesung auf der 41. Internationalen Buchmesse von Buenos Aires

Von Susanne Franz

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Mit seinen spannenden Psychothrillern hat der deutsche Schriftsteller Sebastian Fitzek sich eine globale Fangemeinschaft geschaffen: 12 Millionen Bücher hat er weltweit verkauft. Auf Einladung seines spanischen Verlages “Ediciones B” hielt Fitzek am 26. April eine Lesung auf der 41. Internationalen Buchmesse von Buenos Aires. Sie war ein voller Erfolg: der deutsche Bestsellerautor wurde von seinen Lesern begeistert gefeiert und signierte im Anschluss an die Veranstaltung stundenlang seine Bücher. Wieviel Freude ihm die Begegnung mit seinen argentinischen Fans gemacht hat, erzählte er in einem Interview am 28. April, eine halbe Stunde vor seiner Rückreise.

SF: Sie haben in Argentinien glühende Fans. Wussten Sie das vorher? Oder waren Sie überrascht von dieser Verehrung und Wärme, mit der Sie hier empfangen wurden?

Sebastian Fitzek: Ich war völlig überrascht. In den Anfängen in Deutschland kamen fünf oder zehn, gut, vielleicht zwanzig Leute zu einer Lesung, und sie waren eher reserviert, so wie die Deutschen eben manchmal sind, wenn sie einen noch nicht kennen. Und hier war ein Saal mit über 200 Menschen, alle sehr enthusiastisch, sehr warmherzig. Ich hatte mir schon gedacht, dass die, auf die ich treffe, dass das sehr emotional sein wird, denn mich erreichen sehr sehr viele E-Mails aus Argentinien, die auch sehr enthusiastisch sind, und es macht unglaublich viel Spaß, mit den Lesern in Kontakt zu treten. Dass die Lesung aber so eine Resonanz haben würde, das hat mich völlig überwältigt.

Als Schriftsteller hat man ja in der Regel keinen Applaus, sondern man schreibt für sich im stillen Kämmerchen und dann wird es veröffentlicht. Und das ist tatsächlich etwas, wo man dann auch ein Feedback bekommt und seine Leser kennenlernt. Es gibt nichts Schöneres.

SF: Wieviel Zeit wenden Sie ungefähr auf für Zuschriften und dafür, sich in den sozialen Netzwerken zu bewegen, um sich mit Ihren Fans zu unterhalten?

Sebastian Fitzek: Also, das ist ungefähr eine Stunde am Tag, die man sich tatsächlich dafür freinehmen muss. Es ist ein bisschen leichter geworden durch die sozialen Netzwerke, zum Beispiel schreibt bei Facebook einer “Wann bist Du denn in Buenos Aires?”, und dann antwortet schon ein anderer, bevor ich überhaupt die Möglichkeit habe. Das heißt, einiges verwaltet sich auch selbst. Aber eine Stunde am Tag muss man schon aufwenden.

SF: Also die Fans kommunizieren auch untereinander…

Sebastian Fitzek: Genau, oder sie verabreden sich zur Messe und helfen sich untereinander, da haben sich schon viele Freundschaften gebildet. Und auch das ist sehr schön, dass man da erlebt, wie Bücher verbinden können.

SF: Auf Ihrer Facebookseite stand, dass Sie sich nach kurzem Nachdenken entschieden haben, nach Buenos Aires zu kommen, obwohl Sie sich gerade in einer Schreibphase befinden. Sind Sie oft so spontan?

Sebastian Fitzek: Das war für mich gar keine Frage. Ich war noch nie in Südamerika vorher, noch nie in Buenos Aires. Ich habe die Gelegenheit natürlich sofort ergriffen, man wird ja nicht alle Tage eingeladen, das ist ja eine große Ehre, dass man überhaupt als deutscher Autor hierher kommen darf.

SF: Sie haben bei der Lesung Ihren Fans Tipps gegeben, was sie beachten sollen, wenn sie selbst schreiben wollen. Stimmt das wirklich, dass man den ersten Entwurf wegschmeißen sollte?

Sebastian Fitzek: Ich glaube, das war Hemingway, der gesagt hat: Der erste Entwurf ist immer Mist! Die Geschichte steht und fällt mit der Bearbeitung, und hier ist ein gutes Lektorat extrem wichtig. Wobei das nicht heißt, dass jemand anderes einem hereinredet und sagt “Veränder das mal”, sondern ein gutes Lektorat ist wie eine Hebamme, die einem hilft, dass das Buch “zur Welt kommt”. Es stellt die richtigen Fragen, auf die man dann eventuell noch reagieren kann.

SF: In Ihrem Roman “Noah”, den Sie hier vorgestellt haben, geht es um Überbevölkerung und knapp werdende Ressourcen für die Menschheit. Glauben Sie, dass unser Planet kurz vor einer solchen Katastrophe steht? Welche Schritte müsste man schnell unternehmen, um dem entgegenzurudern?

Sebastian Fitzek: Kurz vor einer Katastrophe, so würde ich das nicht bezeichnen, aber wir steuern schon auf äußerst ungemütliche Zeiten zu. Schnell ändern geht da gar nicht, sondern mit kleinen Schritten muss etwas geändert werden. Das ist ähnlich wie eine Diät, man kann auch nicht schnell 50 Kilo in drei Tagen verlieren, die man sich über Jahrzehnte vielleicht zuviel angefuttert hat.

Wir können das Rad nicht sofort wieder zurückdrehen, es ist aber tatsächlich so, dass wir – und mit “wir” meine ich vor allen Dingen die Europäer und die Amerikaner – über unsere Verhältnisse leben und dass man da eben etwas machen muss.

Tatsächlich ist das Problem, dass der Mensch sehr sehr anpassungsfähig ist. Wir sind ein bisschen so wie der Frosch, der im heißen Wasser sitzen bleibt und nicht merkt, dass es immer heißer wird. An viele Sachen haben wir uns halt unglaublich schnell gewöhnt, beispielsweise Menschen, die direkt an der Autobahn wohnen, hören irgendwann den Krach der Autobahn nicht mehr. Und Menschen, die im Smog leben, merken nicht, dass die Luft immer schlechter wird.

Es ist so, dass uns entweder Katastrophen dazu zwingen werden, unser Verhalten zu ändern, oder wir erkennen eben frühzeitig, dass wir vielleicht einige Schritte einleiten. Und wir sollten wenig Zeit verlieren, um darüber zu sprechen. Beispielsweise durfte ich jetzt hier in Argentinien erleben, dass das Wetter unnatürlich heiß war für die Jahreszeit. Wir können natürlich unsere Zeit damit verschwenden, zu diskutieren, gibt es den Klimawandel oder nicht, oder wir könnten einfach sagen, wenn der Klimawandel wirklich kommt, dann wäre das eine Katastrophe, lasst uns jetzt lieber etwas tun, damit er nicht einsetzt.

Ich muss natürlich dazusagen, dass das sehr schwierig ist, es ist tatsächlich aus der Situation eines privilegierten Autors sehr leicht zu sagen, man muss etwas ändern, während es auf der anderen Seite beispielsweise auch in Deutschland Familien gibt, die mit jedem Pfennig rechnen müssen und die eben nicht sagen können, ich achte jetzt überall darauf, dass ich einen möglichst geringen ökologischen Fußabdruck hinterlasse.

Auch ich habe durch meinen Langstreckenflug nach Buenos Aires das Klima natürlich belastet, und deswegen habe ich auch dieses Buch nicht mit einem erhobenen Zeigefinger geschrieben, sondern eben auch um aufzuzeigen, wie schwierig es ist in unserem gegenwärtigen System, hier etwas zu verändern.

Aber es gibt eben einige Maßnahmen. Beispielsweise ist in Deutschland ein ganz großes Problem, dass Lebensmittel immer dann weggeschmissen werden, wenn das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist. “Mindesthaltbarkeit” sagt aber eigentlich nur aus, dass es mindestens bis dahin haltbar ist; und man kann es eigentlich noch problemlos essen. Das ist eine unglaubliche Ressourcenverschwendung.

Plastiktüten sind ein großes Problem für unseren Planeten, wenn man die nicht mehr benutzt, tut man schon sehr viel. Und da gibt es viele kleine Schritte, die man unternehmen kann. Die großen Schritte allerdings, die erfordern auch ein Umdenken in der Politik und in der Wirtschaft.

SF: Sie haben 2006 mit “Die Therapie” einen sehr großen Bestsellererfolg gehabt. Seitdem schreiben Sie jedes Jahr ein Buch, und auch immer ein Erfolgsbuch. Was ist Ihr Geheimnis?

Sebastian Fitzek (lacht): Man kann es ganz offen sagen: Wenn man sich einmal etabliert hat, dann hat man natürlich eine Fangemeinschaft, und das ist wesentlich einfacher, als wenn man jedesmal unter einem neuen Namen starten würde. Zum Beispiel als Stephen King es als Richard Bachman probiert hat, war er auch erst einmal nicht mehr so erfolgreich, bis dann rauskam, dass es Stephen King war. Also hat man natürlich einen Kredit. Ich bin aber immer sehr nervös vor Veröffentlichungen, weil es eben keine Bestsellerformel gibt und der Geschmack am Ende entscheidet. Man muss sich deswegen – und das ist auch ein Tipp für alle angehenden Autoren – völlig loslösen davon zu sagen «Was könnte denn dem Leser gefallen?”, weil den Leser oder die Leserin gibt es gar nicht. Das hat man ja auch an den unterschiedlichen Menschen gesehen, die hier auf der Lesung waren. Man kann sich eigentlich nur die Frage stellen “Gefällt mir das Buch?”, “Mag ich das?”, “Würde ich das lesen?”, “Kann ich da 100% dahinterstehen?”. Wenn das der Fall ist, dann kann man das Buch auf die Reise lassen in der Hoffnung, dass es auch anderen gefällt.

SF: Sie waren Journalist und haben auf der Lesung erzählt, dass Sie mit Anfang/Mitte 30 gemerkt haben, dass Ihnen der Beruf keinen Spaß mehr macht. Deswegen seien Sie Autor geworden.

Sebastian Fitzek: Der Beruf in einer bestimmten Ausprägung. Damals war ich sehr viel unterwegs und habe für Radiostationen als Berater gearbeitet, und da war ich eigentlich für nichts verantwortlich. Ich wollte dann wieder etwas haben, wofür ich verantwortlich bin, wo ich am Ende des Tages sagen kann “Das habe ich gemacht”, im Guten wie im Schlechten. Es ist häufig, dass Schriftsteller aus beruflicher Unzufriedenheit heraus anfangen, gut zu werden. Bei John Grisham war es genauso, er hat seinen Beruf als Anwalt gehasst und hat dann flammende Justizromane geschrieben. Das ist vielleicht gar kein schlechtes Rezept.

SF: Sie sind promovierter Jurist und spezialisiert auf Urheberrecht. Es hat mich überrascht, dass Ihr Gesprächspartner auf der Messe, Máximo Soto, sagte, eines Ihrer Bücher, das auf Spanisch übersetzt ist, das es aber nur in Spanien gibt, könnte man sich ja als Raubkopie besorgen.

Sebastian Fitzek: Zunächst einmal ist er jemand, der auch sehr stark für Urheberrechte gekämpft hat als Journalist. Das war mit einem Augenzwinkern gemeint.

Gleichwohl bin ich der festen Überzeugung, dass die wenigsten Menschen wirklich etwas Kriminelles tun wollen, sondern wenn sie sich eine Raubkopie ziehen, dann nur dann, weil sie es auf einem anderen Wege nicht legal oder nur sehr kompliziert bekommen. Und wenn das Buch beispielsweise hier nicht erhältlich ist, dann müsste man dafür sorgen, dass es legal zu bekommen ist, um die Leute nicht dazu zu bringen.

Ich sehe dieses Problem von Raubkopien nicht so wahnsinnig kritisch, ich will nicht auf diejenigen zeigen, die sich das runterladen. Ich sehe eine andere Sache eher kritisch, nämlich dass die Leute, die diese Plattformen zur Verfügung stellen, oftmals Multimillionäre sind. Und wenn es dann dazu kommt, dass die Urheber, z.B. in der Musikindustrie, nicht mehr von ihren Werken leben können, aber einige Multimillionäre, denen große Tauschbörsen und Firmen gehören, mit kriminellen Machenschaften reich werden, das ist dann etwas, wo ich sage, da muss man den Riegel vorschieben.

Oftmals wissen die Leute, die sich eine Raubkopie holen, gar nicht, wen sie damit unterstützen. Sie denken, das ist kostenlos, aber tatsächlich müssen sie sich einen Computer kaufen, sie brauchen eine Software, und da stehen viele viele große namhafte Konzerne dahinter, die an diesem Problem der Raubkopien ebenfalls verdienen.

SF: Sie haben bei der Lesung gesagt, dass die Hauptperson Ihrer Bücher jeweils ungefähr ab Seite 80 anfängt, “das Kommando zu übernehmen”. Ist Ihnen das nicht etwas unheimlich?

Sebastian Fitzek: Im Gegenteil, ich warte darauf! Für mich ist das tatsächlich ein Zeichen – hat sie das Kommando übernommen, dann “lebt” sie, dann ist es eine – für mich zumindest – reale Figur. Wohingegen, wenn sie ab Seite 100 immer noch das macht, was ich ihr sage, ist es eher eine Reißbrettfigur, die nichts an Leben hat. Für mich ist es wirklich ein gutes Zeichen, wenn ich mich selber darauf freue zu sehen, was erlebt diese Figur eigentlich heute. Ich habe ein grobes Bild, ich vergleiche das immer mit einer Kohlezeichnung, aber ausgemalt wird sie beim Schreiben.

Es gibt Autoren, die haben ganz detaillierte Exposés , die haben 100/120 Seiten Zusammenfassung geschrieben über ihr Buch, die haben Interviews geführt mit ihren Hauptdarstellern, die wissen also ganz genau jedes kleinste Detail vom Lebenslauf dieser Figuren und schreiben das dann nur noch runter. So könnte ich nicht arbeiten. Das ist bewundernswert, das ist bestimmt auch klug in bestimmten Punkten, aber das Schreiben wäre dann reine Arbeit, es wäre kein Vergnügen.

Ich habe mich ja lange gescheut, überhaupt zu schreiben, weil ich den Prozess des Schreibens für so anstrengend hielt. Ich habe natürlich einen groben Leitfaden, so 20 Seiten, ich weiß auch ungefähr, worauf ich hinaussteuere, ich habe einige Szenen, auf die ich mich freue. Und in der Mitte habe ich viele weiße Felder, die beim Schreiben gefüllt werden. Vielleicht muss ich auch deswegen mehr noch überarbeiten vom ersten, zweiten, dritten Entwurf als vielleicht andere, die auch mit dem Lektorat schon ihren Entwurf so durchgekaut haben. Bei mir ist es anders. Ich will mich beim Schreiben selber überraschen lassen.

SF: Sie haben drei kleine Kinder, sind die mit Ihnen nach Argentinien gereist?

Sebastian Fitzek: Nein, die sind ein bisschen zu klein für so einen Kurztrip, wir sind ja nur vier Tage unterwegs gewesen. Wir wurden auf dem Weg auch noch in Rio de Janeiro aufgehalten, wegen des Vulkanausbruchs in Chile, sind also zu spät hier angekommen. Ich war heilfroh, dass wir diesen Termin am Sonntag auf der Buchmesse wahren konnten. Das wäre für die kleinen Kinder – die sind nämlich eineinhalb, dreieinhalb und viereinhalb Jahre alt – ein bisschen zu anstrengend gewesen. Wenn sie größer sind, wenn ich noch mal eingeladen werden sollte oder privat hierhin komme, dann kommen sie mit, das habe ich auch mit meiner Frau schon besprochen.

SF: Es hat Ihnen gut gefallen hier.

Sebastian Fitzek: Als Europäer, als Deutscher hatte ich schon ein etwas falsches Image von Buenos Aires und Argentinien. In jedem Reiseführer wird gewarnt vor der hohen Kriminalität. Sicherlich gibt es das auch, gar keine Frage, aber alles, was wir erlebt haben, war einfach warm, freundlich, ich habe selten selten so freundliche Menschen erlebt, und ich meine nicht nur bei der Lesung, das war überwältigend, aber auch sonst, überall, wo man hingeht.

SF: Herzlichen Dank für das Gespräch!

Foto:
Sebastian Fitzek stellte in Buenos Aires seinen Roman “Noah” vor.
(Foto: FinPic München)

Bundesverdienstkreuz für Roberto Schopflocher

Der argentinisch-deutsche Schriftsteller und Dichter Roberto Schopflocher wurde in der Botschaft der Bundesrepublik Deutschand in Buenos Aires mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet

schopflocher_embajadorAm 30. April ist der argentinisch-deutsche Schriftsteller und Dichter Roberto Schopflocher in der Botschaft der Bundesrepublik Deutschand in Buenos Aires mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet worden. Mit der Ehrung würdigte Bundespräsident Joachim Gauck die großen Verdienste Schopflochers um die argentinisch-deutschen Beziehungen, besonders im kulturellen und literarischen Bereich. Botschafter Bernhard Graf von Waldersee nahm die Ehrung vor. Roberto Schopflocher begleiteten seine Frau, Kinder, Enkel und enge Freunde.

Durch sein Schreiben in Spanisch und seit vielen Jahren hauptsächlich in Deutsch baute und baut Roberto Schopflocher, der 1923 in Fürth geboren wurde, 1937 mit seiner Familie vor den Nationalsozialisten fliehen musste und in Argentinien eine neue Heimat fand. eine Brücke des Verständnisses zwischen beiden Kulturen.

In seiner Rede sagte der Botschafter: “In Ihrer Kindheit und Jugend in Deutschland mussten Sie die Diskriminierung und den Rassenhass der Nationalsozialisten aus eigener Hand erfahren. Im April 1937 gelang Ihrer Familie die Flucht nach Argentinien, wo Sie sich nach einem Ausflug in die Landwirtschaft in Córdoba schließlich in Buenos Aires niederließen und im väterlichen Chemiebetrieb tätig waren. Erste erfolgreiche Veröffentlichungen – von landwirtschaftlichen Fachbüchern – ließen aber bereits damals erahnen, dass Ihre wahre Leidenschaft in einem ganz anderen Bereich zu finden war. 1980 wandten Sie sich dann ganz dem Schreiben zu, ihrer “wirklichen Berufung”, wie Sie einmal sagten. Sie veröffentlichten zunächst in spanischer Sprache. Neben vielen anderen Ehrungen wurde Ihnen dafür als erstem nicht in Argentinien geborenen Autor der Dritte Literaturpreis der Stadt Buenos Aires verliehen.

1995 begannen Sie, auch auf Deutsch zu schreiben und zu veröffentlichen. Das wird ein wichtiger Schritt für Sie gewesen sein. Mit “Erzählungen aus Argentinien” brachten Sie dem Publikum in Deutschland die ganze Vielfalt dieses wunderschönen Landes näher. “Wahlheimat und Heimatwahl” wirft schon im Titel die Frage nach der Heimat der Emigranten auf – eine Frage, deren Aufarbeitung Sie sich immer wieder gewidmet haben.

Christian Schmidt, heute deutscher Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft, hat einmal in Ihrer Heimatstadt Fürth in einem Grußwort für Sie sehr schön ausgedrückt, dass Sie nach seinem Eindruck “gleich mehrere Heimaten erlebt” haben.

Als Vertreter Deutschlands in Argentinien betrifft mich vor allem: Ihrer deutschen Heimat beraubt, haben Sie sie doch nie aufgegeben.

Auch Ihr deutschsprachiges Werk wurde ausgezeichnet, als Ihnen 2008 von Fürth der Jakob-Wassermann-Literaturpreis verliehen wurde. Bei Ihrer Laudatio hat Professor Och damals herausgearbeitet, wie Sie – in einer Reihe mit anderen großen Emigranten – sich dem Erbe der Aufklärung verpflichtet fühlen. Ihre 2010 erschienenen “Lebenserinnerungen” heißen “Weit von wo. Leben zwischen drei Welten”. Haben Sie wirklich “zwischen” den Welten gelebt? Oder auch vielleicht eher “in” ihnen: als Deutscher, Jude und Argentinier? Auf jeden Fall aber haben Sie durch Ihr Leben und Ihre Erzählungen und Romane es erreicht, Deutschland, Argentinien und jüdischen Glauben, jüdische Identität auf ganz besondere Weise zu verbinden. Und aus diesem Blickwinkel vergleichen, untersuchen und bewerten Sie, stets uneitel und immer der Toleranz der Gerechtigkeit verpflichtet. “Wir wollen den Fluch in Segen verwandeln” – dieses Wort aus der von Ihnen mit herausgegebenen Autobiographie von drei Generationen der jüdischen Familie Neumeyer haben Sie nicht zufällig zum Titel dieses Buches gemacht.

Lieber Herr Schopflocher: mit Ihrem literarischen Werk, mit Ihrem Lebenswerk und zugleich in Ihrem aktiven und bis heute unermüdlichen Einsatz für die Vermittlung und das Verständnis deutscher Sprache und Kultur, vor allem hier in Argentinien, haben Sie in überzeugender Weise das Ansehen und den Ruf Deutschlands gemehrt und sich besondere Verdienste um die Bundesrepublik Deutschland erworben. Daher hat Sie Bundespräsident Joachim Gauck mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. Ich habe heute die große Freude und Ehre, diese Auszeichnung im Namen des Herrn Bundespräsidenten zu überreichen und möchte Ihnen dazu erneut sehr herzlich gratulieren.”

Roberto Schopflocher bedankte sich mit den Worten: “Diese hohe Auszeichnung ruft nicht zuletzt die Hoffung in mir wach, dass ich nicht ganz umsonst auf dieser Welt wandelte, sondern meinen bescheidenen Beitrag geleistet habe, um diese ein klein wenig besser zu verstehen.

Ich empfinde mich als ein Glied der Generationenkette, die die Vergangenheit mit der Zukunft verbindet. Gleichzeitig erfüllt mich das Bewusstsein, dass es nicht nur das von den Vorfahren übermittelte Erbe ist, sonderrn nicht weniger die Umwelt, die mich von Kindesbeinen an geprägt hat. Wie sollte es auch anders sein? Habe ich doch meine Urheimat, das fränkische Fürth, in der Tiefe meines Inneren trotz der noch immer unfassbaren Schrecknisse des 20. Jahrhunderts nie ganz verlassen. Und somit sehe ich mich nicht nur als einen der Zeitgenossen, die vom letzten Schimmer der kurzen Blütezeit profitierten, die das sich gegenseitig befruchtenden deutsch-jüdische Bürgertum ab dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts gekennzeichnet hat, wenn freilich auch auf schwankendem Untergrund. Sondern ich bin auch einer der dankbaren Zeugen, die den guten Willen der unbelasteten Nachkriegsgenerationen und den Kniefall Willy Brandts erleben durften.

Dabei kann ich allerdings meinen seelischen Zwiespalt nicht verleugnen, den ich, der ich seit 1937 in Argentinien lebe, bereits vor Jahren in folgendem Gedicht zum Ausdruck brachte, das in meinem Lyrikband “Hintergedanken” zu finden ist:

GESTÄNDNIS

Seit über sechzig Jahren
in Argentinien, aber
beim Worte ‘Baum’
fällt mir zunächst und noch immer
die Dorflinde Rannas ein,
in der Fränkischen Schweiz,
gelegentlich auch eine Eiche,
eine Kiefer oder ein Tannenbaum;
nie dagegen oder doch nur selten
ein Ombú der Pampa,
ein Paraíso in Entre Ríos
ein Ñandubay, Lapacho oder Algarrobo,
wie sich’s doch geziemen würde
schon aus Dankbarkeit
dem lebensrettenden Land gegenüber.

Aber ‘Frühling’ bedeutet mir noch immer
Mörikes blau flatterndes Band.
Schiller, Goethe und die Romantik,
Jugendstil, Bauhaus und Expressionismus,
prägten mir ihren Siegel auf,
nicht weniger wie der deutsche Wald,
der deutsche Professor
oder der jüdische Religionsunterricht –
wohlgemerkt: der der letzten Zwanziger-,
der ersten Dreißigerjahre.

Ja, selbst der fragwürdige Struwwelpeter,
Karl May, Hauff, die Grimm’schen Märchen
oder Max und Moritz, diese beiden,
rumoren weiter in mir
und lassen sich nicht ausrotten.
Nun ja: Leider! Trotz alledem.
Oder etwa Gottseidank?

Und wo liegt es nun, mein Vaterland?

Wo aber liegt mein Vaterland? Elie Wiesel zitiert den Rabbi Nachman aus Brazlaw, einen Urenkel des Mystikers und Begründer des Chassidismus Baal Schem Tow: “An irgend einem Ort lebt ein Mensch der eine Frage aufwirft, auf die es keine Antwort gibt. Eine Generation später, an einem ganz anderen Ort, lebt ein Mensch, der auch eine Frage stellt, auf die es ebenfalls keine Antwort gibt – und er weiß nicht, kann es gar nicht wissen -, dass seine Frage in Wirklichkeit eine Antwort auf die erstere darstellt.”

Gestatten Sie mir, dass ich diese Überlegung, der ich nichts hinzuzufügen habe, im Raum stehen lasse. Und nehmen Sie, sehr verehrter Herr Botschafter, und durch Sie die von Ihnen vertretene Bundesrepublik Deutschland nochmals meinen tiefempfundenen Dank für diese unerwartete Auszeichnung entgegen, deren vielfache Bedeutung mir und meiner Familie voll bewusst ist.”

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Foto oben:
Roberto Schopflocher (links) und der deutsche Botschafter Bernhard Graf von Waldersee.

Foto unten:
Roberto Schopflocher im Kreise seiner Familie und mit Botschafter von Waldersee.
(Fotos: Deutsche Botschaft)

Deutsche Gäste auf der Buchmesse

Lesungen der Autoren Sebastian Fitzek und Kristof Magnusson

Von Susanne Franz

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Einen deutschen Stand sucht man in diesem Jahr auf der 41. Internationalen Buchmesse von Buenos Aires vergeblich. Doch dafür gab es bereits an den ersten Messetagen schon einige Gäste aus Alemania. Wie jedes Jahr besuchte Jürgen Boos, der Leiter der weltgrößten Bücherschau, der Frankfurter Buchmesse, die “Feria del Libro” in Argentiniens Hauptstadt. Am zweiten Messetag, dem 24. April, fand eine Lesung des deutschen Autors Kristof Magnusson statt, den wir schon in einem Interview vorgestellt haben. Und am Sonntag beglückte der deutsche Bestsellerautor Sebastian Fitzek, der wegen seiner psychologischen Thriller der “Stephen King Deutschlands” genannt wird, seine Fans in Argentinien. Fitzek, der 12 Millionen Bücher weltweit verkauft hat, schrieb bisher 11 Bücher, 5 davon sind ins Spanische übersetzt. Viele seiner Fans hatten alle dabei, als es nach der Lesung ans Signieren ging.

Magnusson im Gespräch mit Ariel Magnus

Von den Büchern Kristof Magnussons, der auf Einladung der deutschen Botschaft und des Goethe-Instituts auf der Buchmesse weilte, gibt es bisher noch keine Übersetzungen ins Spanische. Allerdings ist der Autor in Verhandlungen über eine mögliche Übersetzung seines jüngsten Werkes “Arztroman”, das er im Gespräch mit dem argentinischen Schriftsteller und Journalisten Ariel Magnus am Freitagabend vorstellte. Leider hatten nur wenige Leute den Weg in den Alfonsina-Storni-Saal gefunden, was auch daran gelegen haben mag, dass zeitgleich eine Veranstaltung des in Argentinien hoch angesehenen Spaniers Arturo Pérez-Reverte, der die Messe am Vortag eröffnet hatte, stattfand.

Für die Anwesenden war es ein schöner und bereichernder Abend. Ariel Magnus las einige Stellen aus dem “Arztroman”, die er ins Spanische übertragen hatte, und stellte Kristof Magnusson im Anschluss Fragen. Auch das Publikum wollte einiges von ihm wissen, über den Unterschied im Schreiben als Autor von Theaterstücken bzw. Romanen oder wie er sich im Chaos der Neu-Publikationen zurechtfindet. “Ich lese oft Bücher, die mir Freunde empfehlen“, sagte Magnusson dazu. „Das hat auch den Vorteil, dass ich im Anschluss jemanden habe, mit dem ich über das Buch sprechen kann.” Der Halb-Isländer verriet auch, dass er als Übersetzer ein besserer Mensch sei denn als Autor. “Als Übersetzer muss ich die Charaktere und die Umstände, die ich vorfinde, so hinnehmen und akzeptieren, wie sie sind“, sagte er. „Wenn ich selbst schreibe, streiche ich auch schon mal eine Person ganz raus – ich bin also dann eher ein Menschenfeind.”

Fitzek wurde von seinen Fans gefeiert

Sebastian Fitzeks Lesung am Sonntag um 16 Uhr war auf Englisch. Der Literaturkritiker Máximo Soto, Fitzeks Gesprächspartner, hatte sich im Vorfeld Sorgen wegen des Termins gemacht, da an diesem Tag die Vorwahlen in der Hauptstadt stattfanden. “Aber dann habe ich in den sozialen Netzwerken EUCH gesehen”, sagte er mit Blick auf das durchweg junge, zahlreich erschienene Publikum im Victoria-Ocampo-Saal, das sich vor Aufregung kaum auf den Sitzen halten konnte. “Und da wusste ich, die Veranstaltung würde ein Knaller!” Wurde sie, denn Sebastian Fitzek hat glühende Fans in Argentinien. “Sebastian, Du inspirierst mich!” – “Danke für Deine Bücher!” – “Danke, dass Du endlich einmal nach Argentinien gekommen bist!” – “Wann erscheint Dein nächstes Buch (“Pasajero 23″) in Argentinien?” Auf die Antwort “Im Dezember” folgte großer Jubel im Publikum. “Schreibst Du gerade etwas Neues?” “Ja”, sagte Fitzek und machte den Zuhörern auch gleich den Mund wässrig, indem er die spannende Handlung seines nächsten Werkes kurz umriss.

Der Bestsellerautor wurde in Buenos Aires mit offenen Armen aufgenommen, und von Anfang an stimmte die Chemie in dem Gespräch zwischen Máximo Soto, Fitzek und der kompetenten und frischen Übersetzerin, die den Ton des Autors immer richtig traf. Fitzek kommunizierte mit seiner Fangemeinde eher wie ein charismatischer Rockstar als ein “normaler Schriftsteller”. Es wurde viel gelacht und geklatscht, jede Frage wurde mit Respekt und Ehrlichkeit und viel Humor beantwortet. Auch im Anschluss hatte Sebastian Fitzek eine Engelsgeduld mit der mindestens zweistündigen Schlange seiner Fans vor dem Stand des Verlages “Ediciones B”, wo er sein neuestes auf Spanisch erschienenes Werk “Noah” – und die mitgebrachten älteren Bücher – signierte. Für jeden Fan hatte er ein Lächeln, mit jedem sprach er persönlich ein paar Worte und mit jedem wurden Fotos gemacht.

Foto:
Sebastian Fitzek (Mitte) bei seiner Lesung auf der Buchmesse in Buenos Aires. Das Foto steht auf Fitzeks spanischer Wikipedia-Seite, die erst seit seinem Besuch in Argentinien existiert.
(Foto: Fedefede1996)