Wunderschön, subtil und tragisch

Dostojewskis “La mansa” in César Bries Adaptation und Inszenierung

Von Susanne Franz

Die Adaptation des argentinischen Theatermachers César Brie der Novelle “Die Sanfte” (1876) von Fjodor Dostojewski kommt mit sparsamsten Mitteln aus und verlässt sich vor allem auf die Darstellungskunst der beiden Hauptpersonen. Das Ergebnis ist eine meisterhafte Inszenierung (César Brie führt auch Regie).

Eine junge Frau liegt auf einem Tisch, sie ist tot, und ein schon älterer Mann versucht, Gründe dafür zu finden, warum sie sich umgebracht hat. Er erzählt die Geschichte der beiden, und die Darstellerin spielt die Frau, an die er sich erinnert und die noch vor wenigen Stunden neben ihm geatmet hat.

Der Mann, ein Pfandleiher, entdeckt das 16-jährige Mädchen, als es bei ihm Familienerbstücke versetzt, um eine Stellenanzeige in der Zeitung aufgeben zu können. Sie ist Waise und lebt seit drei Jahren bei ihren tyrannischen Tanten, die sie nun mit einem alten, reichen Kaufmann verheiraten wollen, der bereits zwei Ehefrauen im Suff totgeschlagen hat. Als der Pfandleiher sie um ihre Hand bittet, sieht sie in ihm einen Retter in der Not.

Doch die Ehe der beiden ist von Anfang an zum Scheitern verurteilt, denn der Mann will das Mädchen beherrschen, und er erzählt ihr nichts von seinen Schwächen und Ängsten. Nach einem Streit bricht sie aus und trifft sich mit einem Offizier, der Mann holt sie zurück, und in der Nacht fühlt er, wie sie eine Pistole an seine Schläfe hält. Er rührt sich nicht, und sie gibt den Wunsch, ihn zu töten, nach einer Weile auf. Dies ist das Ende ihrer Beziehung, denn er wertet das Ereignis als Sieg, sie aber verachtet ihn für seine Feigheit. Als der Mann schließlich Monate später seine Liebe zu ihr gesteht, ist es zu spät.

Während das Stück einerseits die patriarchalischen Verhältnisse im Russland des 19. Jahrhunderts widerspiegelt, ist es zugleich universell gültig: Für alle, deren Notsituation oder Schwäche ausgenutzt werden und die sich dennoch eine innere Freiheit bewahren, und sollte sie den Tod bedeuten. Für diejenigen, die in der aussichtslosen Spirale des Schweigens in der Liebe gefangen sind, in der man sich immer weiter voneinander entfernt, obwohl man sich anscheinend nicht losgelassen hat. Und für alle, die einen geliebten Menschen verloren haben und angesichts des Todes alles Ungesagte und Ungelebte bereuen. “Liebt einander”, sagt die Sanfte im Augenblick ihres Todes zum Publikum gewandt, und jedem wird bewusst, wie kostbar das Leben ist.

César Bries Inszenierung ist wunderschön, subtil und stimmig in jedem Detail: Angefangen bei der Kostümierung im Stil der Epoche von Carolina Ferraioulo über die Originalmusik und die Arrangements von Pablo Brie bis zu Bühnenbild und Beleuchtung (Duilio della Pittima). Aber das Beeindruckendste ist die Schauspielkunst der beiden Protagonisten: Abril Piterbarg als die Sanfte, deren ausdrucksvolle Bewegungen die Tänzerin verraten und die auch als Sängerin brilliert, aber besonders Iván Hochman, der erst Anfang 20 ist, aber den 40-jährigen Pfandleiher ebenso brillant verkörpert wie den schleimigen fetten Kaufmann und den lüsternen Offizier: Hier sieht man ein Schauspielertalent, vor dem man sich nur verneigen kann.

“La mansa. Un cuento ruso” kann man nur noch bis zum 21. April sehen: im Teatro El Extranjero, Valentín Gómez 3378, freitags um 21 Uhr. Eintritt: 200 Pesos. Es wird empfohlen, zu reservieren: 4862-7400 oder bei Alternativa Teatral.

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Abril Piterbarg und Iván Hochman in “Die Sanfte”.

“Kultur-Leuchtturm Lateinamerikas”

2017 soll das San Martín-Theater im alten Glanz erstrahlen

Von Susanne Franz

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“Die bitteren Tränen der Petra von Kant” von Rainer Werner Fassbinder, inszeniert von Leonor Manso, mit Muriel Santa Ana, “Under Milk Wood” von Dylan Thomas, adaptiert von Mariano Stolkiner und Gustavo García Mendy, “Orlando, una ucronía disfórica”, ein Projekt von Emilio García Wehbi und Maricel Álvarez, basierend auf Virginia Woolfs “Orlando”, Gogols “Revisor” (El Inspector) in der Regie von Daniel Veronese, und “Desde el jardín” (Being There/Willkommen, Mr. Chance) von Jerzy Kosinski in der Regie von Michal Znaniecki – das sind nur einige der hochinteressanten Ankündigungen der Spielzeit 2017 des San Martín-Theaters bzw. des CTBA-Theaterkomplexes, die am Mittwoch vergangener Woche im Rahmen einer Pressekonferenz im Alfredo Alcón-Saal an der Av. Figueroa Alcorta/Dorrego bekanntgegeben wurde.

Der Kulturminister der Stadt Buenos Aires, Ángel Mahler, und der Generaldirektor des Complejo Teatral de Buenos Aires, Jorge Telerman, verliehen dabei ihrer Hoffnung Ausdruck, dass der CTBA-Theaterkomplex zu einem “Kultur-Leuchtturm Lateinamerikas” werden möge. Insgesamt seien 2017 1134 Vorstellungen geplant.

Nachdem ein Video mit der Ankündigung der Spielzeit gezeigt worden war, erklärte Telerman, dass das San Martín-Theater, welches das ganze Jahr 2016 geschlossen war, im März mit “La farsa de los ausentes”, basierend auf “El desierto entra en la ciudad” von Roberto Arlt, wiedereröffnet werden soll. In der von Pompeyo Audivert inszenierten Adaption wird u.a. Carlos Kaspar mitspielen. Auch das “Ballet Contemporáneo” kann endlich wieder auf seiner Heimatbühne tanzen. Drei Programme sind für 2017 geplant, im März geht es los mit der Wiederaufnahme der “Neunten Symphonie” mit Musik von Ludwig van Beethoven und Choreografie von Mauricio Wainrot. Das zweite Programm beinhaltet Werke von Ana María Stekelman und Teresa Duggan, das dritte von Oscar Araiz.

Das Programmkino “Sala Leopoldo Lugones” feiert seinen 50. Geburtstag am 4. Oktober mit der Ausstrahlung von “La pasión de Juana de Arco” von Carl Theodor Dreyer, der Film, mit dem der Saal eröffnet wurde, diesmal mit Livemusikvon Santiago Chotsourian. In Zusammenarbeit mit der Fundación Cinemateca Argentina, der Französischen Botschaft, dem Italienischen Kulturinstitut, dem British Council und dem Goethe-Institut werden darüber hinaus verschiedene Filmzyklen gezeigt (Französische Klassiker, Eisenstein und seine Zeitgenossen, Arlt geht ins Kino, etc.).

Die Fotogalerie in der “FotoGalería” und der Eingangshalle “Carlos Morel” wird mit einer Hommage an María Elena Walsh wiedereröffnet.

Während das Teatro Alvear wohl 2017 geschlossen bleiben wird, geht es in den anderen drei CTBA-Sälen schon früh im Jahr 2017 los: Im Januar und Februar läuft im Teatro de la Ribera ein Liebesliederzyklus, im Februar wird im Regio “Otelo” wiederaufgenommen, und im März startet das Sarmiento mit einem Werk von Matías Feldman.

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Ángel Mahler, rechts, und Jorge Telerman bei der Pressekonferenz.
(Foto: CTBA)

Argentinische Tänze mal anders

“Tres danzas argentinas” im Teatro de la Ribera

Von Susanne Franz

adentroDie drei Hauptsäle des bedeutendsten Theaters der Stadt Buenos Aires, des San Martín-Theaters, sind weiterhin geschlossen und man wagt schon kaum noch zu hoffen, dass sie 2017 wirklich wieder eröffnet werden. Zum Glück hat der Theaterkomplex noch weitere Säle in Buenos Aires, kleine, schöne Stadtviertel-Theater z.B. neben dem ehemaligen Zoo, in Colegiales oder im Stadtteil La Boca. Und da werden weiterhin interessante und spannende – und billige – Theater- und Tanzveranstaltungen geboten, die man im Auge behalten sollte! Denn das San Martín-Team ist weiter aktiv und hat seine Qualitätsstandards in keinster Weise schleifen lassen.

Im “Teatro de la Ribera” des Stadtteils La Boca (Av. Pedro de Mendoza 1821) wird beispielsweise in wenigen Tagen ein sehr interessantes Tanz-Programm gezeigt. Zeitgenössischen Tanz inspiriert an argentinischen Folkloretänzen und argentinischer Folkloremusik, das zeigen drei Choreografen, die jeweils mit drei argentinischen Komponisten zusammengearbeitet haben. Die drei “Duette” sind Diana Szeinblum/Axel Krygier, Iván Haidar/Carmen Baliero und Pablo Lugones/Gabo Ferro.

Im Rahmen des Zyklus “Danza al borde” (Tanz auf der Kippe) kommt “Tres danzas argentinas” ab dem 26. November und bis zum 11. Dezember auf die Bühne. Hier wird die Gegenwart des Tanzes auf einzigartige Weise mit dem historischen Erbe Argentiniens verbunden. Ganz neu interpretiert werden etwa der Zamba, der Tango, der Malambo und die Chacarera, allesamt tief verankert im kollektiven Bewusstsein der Argentinier. Die Veranstaltung trägt ihren Namen als Hommage an die “Tres danzas argentinas” von Alberto Ginastera in seinem 100. Geburtsjahr.

Die drei Stücke “¡Adentro!” von Szeinblum/Krygier, “El accidente” von Haidar/Baliero und “Diabólico” von Lugones/Ferro nehmen im ganzen 70 Minuten in Anspruch. Vorstellungen sind samstags und sonntags am 26. und 27.11., 3. und 4.12. sowie 10. und 11.12. jeweils um 15 Uhr. Der Eintritt kostet schlappe 50 Pesos, für Rentner 20 Pesos. Weitere Infos findet man hier.

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“¡Adentro!” von Szeinblum/Krygier.
(Foto: CTBA)

Heiter bis wolkig

Theaterstück “La Vagina Enlutada” erzählt von gescheiterten Beziehungen

Von Michaela Ehammer

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Gibt es denn keine Männer mehr oder haben sich Frauen entschieden, sich der Liebe zu verschließen, da sie kein Vertrauen mehr in die Liebe haben und nicht mehr an gut funktionierende Beziehungen glauben? Eine Frage, der der Sexologe Walter Ghedin anhand zahlreicher Frauenstudien in seinem 2010 erschienenen Buch “La Vagina Enlutada” auf den Grund gegangen ist und die nun von Gastón Marioni als heiteres, komisches und fröhliches Theatererlebnis aufgegriffen wurde.

Fünf Freundinnen stehen an einem Sonntagnachmittag in einem kleinen Dorf in der Provinz Buenos Aires als einzige Passagiere am Bahnhof und warten nicht nur auf den Zug, der sie nach Hause bringen soll, sondern auch auf Chancen, ihrer Einsamkeit zu entfliehen. Die Freundinnen sehen sich konfrontiert mit ihrer Traurigkeit, Isolation, ihrem Hass auf die Männer, ihren Komplexen und Ängsten. Mit ihren Gedanken wühlen sie in der Vergangenheit, wobei eine mit Selbstmitleid gewürzte Nostalgie mitschwingt und dunkle Geheimnisse ans Licht kommen. Schlussendlich ist keine der Frauen mehr dieselbe, als sie in den Zug steigen.

Cecilia Tognola, Jessica Schultz, Silvia Pérez, Mónica Salvador und Ana Padilla – fünf talentierte Schauspielerinnen – erzählen ihre Leidensgeschichte mit der Liebe. Viele verschiedene Persönlichkeiten begegnen uns dabei: eine nun lesbisch, eine andere eine streng religiöse Witwe, eine weitere, die wiederum zur Hure mutiert, während die andere in tiefster Trauer lebt und die letzte in der Runde sich dem Stalken ihres Ex-Mannes verschrieben hat. Das sind fünf Geschichten, die jede auf ihre ganz eigene, dramatische und traurige Art und Weise vom glücklichen Verliebtsein über die Nüchternheit und die Erkenntnis, dass der Alltag irgendwann doch Einzug hält, bis hin zu bitteren Tränen und Kämpfen zeugt und Leben offenbart, die mit Eifersucht geteert und mit Enttäuschung gesäumt ist, bis dann am Ende die Resignation und die Angst neue Liebesabenteuer verbieten.

Reich an Dramatik und starken Dialogen brillieren die Schauspielerinnen, fesseln ihre Zuschauer und regen zum Lachen, Nachdenken, Schmunzeln und Grübeln an. Zu sehen immer sonntags um 20.15 Uhr im Teatro El Tinglado (Mario Bravo 948).

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Fünf Geschichten vom schönen Scheitern fesseln die Zuschauer.
(Foto: Octavia)

Finale des Tango-Festivals

Beim diesjährigen BA Tango-Festival sollen eine halbe Million Zuschauer teilgenommen haben

Von Michaela Ehammer

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Ergreifende Emotionen, ansteckende Leidenschaft und pure Spannung füllten neben melancholischer Tangomusik die Räumlichkeiten des Luna Parks: Die Nerven der finalen Teams lagen am Mittwochabend blank beim grandiosen und magischen Finale des BA Tango-Festivals. Über 500 Tanzpaare aus der ganzen Welt haben ihr Können vom 18. bis zum 31. August unter Beweis gestellt, doch nur zwei Paare konnten sich mit dem Weltmeistertitel “Tango Escenario” sowie “Tango de Pista” krönen.

Über 40 Paare waren beim Finale angetreten, doch es waren einmal mehr die Argentinier, die zeigten, dass sie Tango nicht nur perfekt auf dem Parkett beherrschen, sondern vielmehr im Blut tragen. So waren unter den sechs prämierten Paaren stolze fünf aus Argentinien zu finden.

Die strahlenden Sieger des “Tango Escenario” heißen in diesem Jahr Hugo Mastrolorenzo und Agustina Vignau aus der Provinz Buenos Aires (Foto), welche bei “Balada para un loco” von Piazzolla und Ferrer unglaubliche 9700 Punkte von der Jury erhielten und die Herzen der Zuschauer eroberten.

Im “Tango de Pista”, dessen Finale bereits am Dienstagabend im Luna Park stattfand, konnten die Argentinier Cristian Palomo und Melisa Sacchi aus Banfield die Jury überzeugen. Sie dürfen sich ebenfalls Weltmeister 2016 nennen. Die beiden brachen in unbändigen Jubel aus, eine Freude, die auch die Zuschauer überwältigte und zu Tränen rührte.

Die meisten Publikumsstimmen bekamen Juan Francisco Segui und Maira Sánchez. Das argentinische Tanzpaar darf sich somit über eine Reise nach Paris freuen.

Beim fulminanten Abschluss des BA Tango-Festivals wurde auch derjenigen Musiker, Poeten und Tänzer gedacht, welche im vergangenen Jahr von uns gegangen sind. Darunter war auch der argentinische Tango-Musiker Horacio Salgán, der erst kürzlich während des diesjährigen Festival im Alter von 100 Jahren verstorben ist.

Das BA Tango-Festival lockt Jahr für Jahr mehr Liebhaber und Begeisterte des Tangos nach Buenos Aires. Die Organisatoren sprachen von etwa einer halben Million Zuschauer allein bei der diesjährigen Ausgabe des Festivals. Doch nach zwei Wochen vollgepackt mit Gratis-Veranstaltungen an jeder Ecke der Stadt sowie Tangostunden, Milongas, Konzerten, Vorführungen, Ausstellungen, Gesprächen und Filmen, hat sich das Tango-Fieber wieder etwas beruhigt, der Glanz um den 2/4 Takt ist wieder etwas vergangen, und die Paare bereiten sich schon auf das nächste Festival vor.

Nostalgie und Gegenwart

Das Tango-Festival von Buenos Aires findet vom 18. bis 31. August statt

Von Michaela Ehammer

Gustavo Correa
Und wieder einmal ist Zeit für den Tango. Der Tanz wird schon lange nicht mehr nur im Ursprungsland Argentinien getanzt, sondern ist weit über die Grenzen hinaus bekannt und erfreut sich weltweiter Beliebtheit bei Jung und Alt. Das Tnternationale Tango-Festival, das am heutigen Donnerstag startete, vereint Musik- und Tanzliebhaber aus der ganzen Welt. Noch bis zum 31. August hüllt sich Buenos Aires in ein Meer aus Musik, Tanz und Folklore, vollgepackt mit Melancholie, Nostalgie und Dramatik – eben das, was den Tango ausmacht!

Das BA Tango-Festival verleiht der Stadt einen ganz besonderen Anstrich: pure Leidenschaft wird versprüht. Piazzollas Gänsehaut-Melodien erklingen auf den Bandoneonen in den schönsten Tönen an wohl jeder noch so kleinen Straßenecke. Das Tanzbein wird von professionellen Tänzern ebenso wie von Amateuren geschwungen. Seit drei Jahren können auch gleichgeschlechtliche Paare an der Tango-Tanzweltmeisterschaft teilnehmen.

Hunderte von begeisterten Tangotänzern sowie zahlreiche Zuschauer aus der ganzen Welt strömen Jahr für Jahr nach Buenos Aires, um bei diesem emotionalen Duell aus poetischen Umarmungen, hochkonzentrierten Schritten und sinnlichen Bewegungen im 2/4 Takt dabeizusein und die heitere Stimmung und das besonderen Ambiente zu genießen.

Mehr als 500 Paare verschiedener Nationalitäten messen ihr Talent und zeigen ihr Können vor einer renommierten Jury bei der Qualifikationsrunde der Tanzweltmeisterschaft in der Usina del Arte, und die Besten der Besten können danach um den begehrten WM-Titel in den Kategorien “Tango de Pista” und “Tango Escenario” im Luna Park kämpfen. Hinter ihnen liegen bereits Vorausscheidungen in 20 Ländern – darunter auch Russland oder Taiwan.

Für die Zuschauer werden im Rahmen des BA Tango-Festivals spektakuläre Shows, dramatische Rhythmen und zahlreiche Veranstaltungen geboten. Chico Novarro, Nestor Fabian, Carlos Paiva Hugo und Marcel waren die Stimmen am Eröffnungstag und leiteten die diesjährige Ausgabe gebührend ein.

Pianisten feiern zudem das hundertjährige Jubiläum von Horacio Salgán, und nach 70 Jahren kehrt auch das erste typische Orchester von Astor Piazzolla und Antonio Tarragó wieder zurück an seinen Ursprung. Und all dies so nah am Publikum wie möglich: in Clubs, Theatern, Bars und Kulturzentren. Zu den Veranstaltungsorten gehören unter anderem Teatro 25 de Mayo, Espacio Cultural Carlos Gardel, Café Vinilo, Teatro Colón, Museo del Cine, Espacio Cultural Adán Buenosayres, Espacio Cultural Julián Centeya, Teatro Gran Rivadavia sowie Polideportivo.

Tango ist nicht nur Nostalgie, sondern auch eine großartige Möglichkeit, Buenos Aires in der Gegenwart mit einer seiner schönsten Traditionen zu spüren und zu erleben.

Weitere Informationen und Termine des Festivals hier.

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Das Tangofestival verleiht der Stadt einen ganz besonderen Anstrich.
(Foto: Stadt Buenos Aires)

Verschmelzung von Kunst und Wissenschaft

Nur vier Aufführungen von Gilles Jobins “Quantum” in Buenos Aires

Von Susanne Franz

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Kraft ist ein grundlegender Begriff der Physik. In der klassischen Physik versteht man darunter eine Einwirkung, die einen festgehaltenen Körper verformen und einen beweglichen Körper beschleunigen kann. Der physikalische Kraftbegriff geht wesentlich auf Isaac Newton zurück, der im 17. Jahrhundert in den drei newtonschen Gesetzen die Grundlagen der klassischen Mechanik schuf. Dabei definierte er die Kraft als zeitliche Änderung des Impulses und identifizierte sie als Ursache für jede Veränderung des Bewegungszustandes eines Körpers.

In der Quantenphysik wird der Begriff Kraft auch in einem übertragenen Sinn verwendet, gleichbedeutend mit dem Begriff Wechselwirkung. Es gibt vier “fundamentale Wechselwirkungen”, die auch als Grundkräfte der Physik bezeichnet werden. Sie bilden die Ursache nicht nur aller bekannten Erscheinungsformen der Kräfte, sondern auch aller in der Physik bekannten Prozesse. Eine der vier Grundkräfte, die Gravitation, wird in der allgemeinen Relativitätstheorie durch die Krümmung der Raumzeit beschrieben. Die drei anderen Grundkräfte werden im Standardmodell der Teilchenphysik durch den Austausch von sogenannten “Kraftteilchen” erklärt.

Der bekannte Schweizer Choreograf Gilles Jobin, eine der großen Figuren des Zeitgenössischen Balletts, der im Jahr 2003 in Buenos Aires im Rahmen des FIBA sein zukunftsweisendes Werk “Moebius Strip” präsentierte, erhielt im Jahr 2012 das Collide@Cern-Stipendium, eine Einladung, in der Großforschungseinrichtung CERN bei Meyrin im Kanton Genf in der Schweiz zu recherchieren und ein Stück zu entwickeln. Am CERN wird physikalische Grundlagenforschung betrieben, und Jobin war von Beginn an fasziniert – denn hier fand er im Prinzip die Theorie dessen vor, was er als Tänzer und Choreograf schon immer intuitiv in die Praxis umsetzte. Wer “Moebius Strip” und “Quantum”, sein momentan in Buenos Aires gezeigtes Werk, das aus diesem Stipendium entstand, beide gesehen hat und vergleicht, wird Parallelen feststellen.

So kompliziert die Quantenphysik für Laien sein mag, Jobin war auf vertrautem Gelände. Sein 50-minütiges Werk “Quantum” ist deshalb zugleich eine hochkomplizierte Ode an die wissenschaftliche Forschung, die er mit den Körpern seiner Tänzer auszudrücken imstande ist, und eine poetische Liebeserklärung an die Kunst, die im Zusammenspiel der Choreografie, der Beleuchtung, die von dem deutschen CERN-Forscher Julius von Bismarck nach physikalischen Gesetzen entwickelt wurde, und dem Klanguniversum, das die Komponistin Carla Scaletti auf Grundlage echter CERN-Geräusche erarbeitete, zum Ausdruck kommt.

Was geschieht anderes im CERN als die Suche nach Antworten auf die vielen ungelösten Fragen des Universums? Und tut die Kunst nicht dasselbe?

Jobin ist ein komplexes Meisterwerk gelungen, das leider beim Publikum in Buenos Aires (zumindest am Freitag) auf eher verhaltene Reaktionen stieß.

(Noch heute und morgen, 6.8. und 7.8., jeweils um 20 Uhr im El Cultural San Martín, Sarmiento 1551, Buenos Aires. Eintritt 150 Pesos.)

Poetisch, temperamentvoll, hypnotisch

Erstes Programm 2016 des “Ballet Contemporáneo del Teatro San Martín” im Teatro 25 de Mayo

Von Susanne Franz

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Seit den 18. Juni und nur noch bis Sonntag, den 3. Juli, präsentiert das Zeitgenössische Ballett des San Martín-Theaters sein erstes Programm des Jahres. Da das Theater San Martín immer noch umgebaut wird – voraussichtlich bis Mitte 2017 – ist das Tanzensemble ohne eigenen Aufführungs- und Probenort. Geprobt wird also, wo es gerade geht, und als Aufführungsort des ersten Programms dient nun das schöne Stadtviertel-Theater “25 de Mayo” (Triunvirato 4444). Das zweite Programm soll im Auditorio de Belgrano und das dritte und letzte des Jahres im Teatro Coliseo gezeigt werden.

Weder die Heimatlosigkeit noch den Wechsel an der Spitze merkt man dem hervorragenden Tanzensemble an, das seit 1999 von Mauricio Wainrot geleitet worden war, der nun für die Kulturangelegenheiten des Auswärtigen Amtes zuständig ist. Die Tanzgruppe wird jetzt von Wainrots rechter Hand, der Tänzerin Andrea Chinetti, geführt. Gezeigt werden drei Choreographien: das poetische, unglaublich schöne “Ínfima constante” – eine Wiederaufnahme – von Anabella Tuliano mit Originalmusik von Leandro Gatti, die Premiere “Temperamental” von Silvina H. Grinberg mit Originalmusik von Guillermina Etkin, die in die Nähe des Theaters rückt, weil das gesprochene Wort eine Rolle spielt, und der Klassiker “Bolero”von Ana María Stekelman nach der Musik von Maurice Ravel.

Vorstellungen sind noch diesen Freitag und Samstag um 20.30 Uhr und Sonntag um 19.30 Uhr. Karten kosten 120 bzw. 100 Pesos. Nicht verpassen!

Mein kleiner grüner Kaktus

“Cactus orquídea” ist wunderbares, tiefgründiges Theatervergnügen

Von Susanne Franz

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Romantisch, poetisch, komisch, surrealistisch und zauberhaft: In Graciela Meijides Dauerbrenner-Theaterstück “Cactus orquídea”, das noch bis Ende Juli samstags um 21 Uhr im Teatro Anfitrión läuft, dreht sich alles um die Liebe. Der süße Schmerz, der grauenvolle Verlust, die Enttäuschungen, die dazu führen, dass die Menschen völlig bindungsunfähig werden: Alles entsteht aus dieser Sehnsucht nach Liebe oder der Erinnerung an ein vergangenes Glück.

Die Museumsangestellte Imelda begegnet in einem Café Isaias, der versucht, eine wirklich gute Geschichte zu schreiben. Das ist schwer, und so hält der Möchtegern-Autor sich mit dem Verfassen von Werbetexten über die Stadt Buenos Aires über Wasser. Imelda hält so einen Prospekt in der Hand und lacht lauthals über die Platitüden. Peinlich, als sich herausstellt, dass sie dem Verfasser gegenübersitzt. Aber sie hat eine Geschichte für den Schriftsteller: Die Geschichte des Eisenwarenhändlers Boris, der seine Frau verloren hat und der alles darum geben würde, sie noch einmal wiederzusehen. Boris’ obsessiver Mitarbeiter Peque erzählt ihm von einer Pflanze, die Esmeralda, die Kellnerin der Bar Jean Jaurés, wo Peque immer Kleingeld holt, aus einem Samen herangezogen hat, den ihr der Gast Denzel Romero geschenkt hat – der geheimnisvolle Samen stammt von Denzels verstorbener Großmutter. Die magische Pflanze blüht nur einmal im Jahr, und wer sie erblickt, sieht noch einmal seine/n Geliebte/n…

Neben den Hauptpersonen des Stücks gibt es noch eine Vielzahl an Nebengestalten, die alle in einem fast schwindelerregenden Tempo und mit absoluter Bravour von den fünf Schauspielern des “Ensamble orgánico” dargestellt werden (oben sind sechs genannt, weil Isaias und Peque vom gleichen Schauspieler dargestellt werden). Oft genügt ein Schritt und sie verwandeln sich in eine andere Figur, zum Beispiel die Liebhaber Imeldas – die nur mit Touristen anbändelt, weil diese den Vorteil haben, dass sie wieder abreisen – oder die Kollegen des Bankangestellten Denzel.

Es gibt kein starres Bühnenbild, Holzrahmen werden hin- und hergetragen und dienen als Türen oder Fenster. Das Stück hat eine ungeheure Dynamik, die sich aus dem Zusammenspiel des Ensembles ergibt: die Darsteller erschaffen den Raum, in dem sie agieren, und ziehen den Zuschauer in ein reiches Universum voller Magie und Humor, das außerhalb der Welt zu existieren scheint und diese doch auf unvergleichliche Weise spiegelt.

“Cactus orquídea” heißt so, weil ein kleiner, recht unscheinbarer Kaktus dieses Namens, den Imelda zu Beginn in einer Blechdose in der Hand hält, sich sozusagen als grüner Faden durch das gesamte Stück stachelt. So ist es einfacher, dem Wirbelwind an Ideen, Assoziationen und Gedanken zu folgen, der sich immer weiter verdichtet und zu einem Ganzen wird.

“Cactus orquídea”, das sind 75 Minuten rundum gelungenes Theater, das noch lange nachwirkt und sicher in Jedem ganz eigene Saiten zum Klingen bringt.

Bis zum 30. Juli samstags um 21 Uhr im Teatro Anfitrión, Venezuela 3340, Buenos Aires. Karten bei Alternativa Teatral oder direkt im Theater unter Tel.: 4931-2124. Der Eintritt kostet 180 bzw. ermäßigt 120 Pesos.

Weitere Fotos und Trailer hier.

Sasha Waltz & Guests: Dido y Eneas en el Teatro Colón

Sasha Waltz & Guests: Dido y Eneas en el Teatro Colón

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El Barroco vuelve a la temporada lírica del Colón con uno de sus referentes más logrados. Con Dido y Eneas, Henry Purcell sienta las bases de la ópera inglesa abrevando en una de las más apasionantes historias de la Antigüedad. La visión magistral de la coreógrafa alemana Sasha Waltz extrae de la partitura toda su actualidad y goza de buena salud: es un trabajo radicalmente libre.

La opera coreográfica se podrá ver en la Sala Principal del Teatro Colón, Cerrito 628. los días 7, 8, 10 y 11 de junio a las 20 horas, y el domingo 12 de junio a las 17 horas.

La producción de Sasha Waltz & Guests está presentada en Buenos Aires por el Teatro Colón con el apoyo del Goethe-Institut y de la Embajada de la República Federal de Alemania.

Localidades aquí.

Zwischen Pathos und Party

Mateo de Urquizas experimenteller “Titus Andronicus” im Teatro El Extranjero

Von Susanne Franz

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“Titus Andronicus” ist William Shakespeares brutalste Tragödie. Mord, Folter, Vergewaltigung, Verstümmelungen, Kannibalismus; die menschlichen Beziehungen von Betrug, Rachsucht, Hinterlist, Lügen, Eifersucht und Hass geprägt. Das Werk entstand wahrscheinlich um 1590, der Barde wollte damit wohl dem Geschmack der damaligen Zeit Rechnung tragen, als blutrünstige Dramen groß in Mode waren. In späteren Jahrhunderten fiel der “Titus Andronicus” in Ungnade wegen seiner besrialischen Grausamkeit, aber im 20. Jahrhundert wurde er wieder vermehrt gespielt. Zwei bestialisch grausame Weltkriege und Hunderte von Konflikten in der ganzen Welt charakterisierten das vergangene Jahrhundert – und im 21. Jahrhundert muss man nur an die Grausamkeiten des IS und die perfiden Methoden von Selbstmordattentätern denken und erkennt, dass die furchterregenden Bräuche des alten Rom nichts von ihrer Aktualität verloren haben.

Der junge argentinische Dramaturg und Regisseur Mateo de Urquiza hat den “Titus” unter dem Titel “Tito Andrónico quiere decir Habeas Corpus” auf einen eineinhalbstündigen Akt verschlankt und in die heutige Zeit versetzt. In De Urquizas Adaptation sind nur sechs der zahlreichen Shakespearschen Charaktere erhalten geblieben: Titus selbst, sein Widersacher im Kampf um das Amt der römischen Herrschers Saturninus, Titus’ Sohn Lucius (der einzige, der im Originalwerk überlebt), seine Tochter Lavinia, die Gotenkönigin Tamora, die Titus als Gefangene von einem Feldzug mit nach Rom gebracht hat, und Tamoras Dienstbote und heimlicher Geliebter Aaron.

Getragen wird das Werk von sich abwechselnden Monologen der Darsteller, die Teile des Shakespearschen Originals gemischt mit Zitaten von und Anspielungen auf Dichter und Denker der heutigen Zeit, argentinische Politiker, Künstler oder gar Fernsehstars vortragen. Die Wucht und Dramatik der leidenschaftlichen Deklamationen sind teils überwältigend, Lavinias Bericht etwa von ihrer Vergewaltigung ist mehr als bedrückend. Mit oft drastischen Worten werden die schrecklichsten Taten, zu denen Menschen fähig sind, denunziert, und die Abgründe der menschlichen Seele bloßgelegt.

Dann wieder wird das Werk oft plötzlich von Brechtschen Elementen durchbrochen – etwa wenn die sechs Darsteller unvermittelt nach vorne treten und die Zuschauer direkt ansprechen und auffordern, doch nach Hause zu gehen, wenn sie hier ein Shakespeare-Stück erwartet hätten und jetzt enttäuscht seien. Manchmal fühlt man sich zudem in eine Szene von Big Brother versetzt, wenn die Schauspieler sich wie nebenbei über eher banale Fragen austauschen. Zu diesen Techniken, die dem Spannungsabbau dienen, zählen auch das Bühnenbild (Sofia Eliosoff) mit Planschbecken und einem Tisch, wie er an einem Nachmittag im Garten bei Freunden bei einem Asado stehen könnte, die Kostüme (Daniela Dralye) – weiße Kleidung oder Badeanzüge und Shorts, Badelatschen, Handtücher -, und immer wieder laute Trash-Popmusik-Einlagen von Britney Spears oder Rihanna, zu denen die Beteiligten tanzen, sich mit Plastikhaifischen und Bällen bewerfen, Sportübungen machen oder erotische Handlungen andeuten (Choreografie: Valeria Narváez).

Großes Lob auch für den Ton (Vanesa del Barco), die Beleuchtung (Julia Vega) und die Videobearbeitung (Federico Shmidt) und die durchweg sehr guten Schauspielleistungen von Norberto Laino (Titus), Juan Pablo Sierra (Saturninus), Vicente Santos (Aaron), Santiago Paciullo (Lucius) und vor allem der beiden Damen Cintia Hernández (Lavinia) und Martina Greiner (Tamora).

Das Stück kann man noch heute Abend sowie Mittwoch, den 27. April, und Mittwoch, den 4. Mai, jeweils um 20.30 Uhr im Teatro El Extranjero, Valentín Gómez 3328, Buenos Aires, sehen. Karten im Theater oder bei Alternativa Teatral.

Foto:
Titus-Adaptation mit Selfie.

Der Kreativität auf der Spur

“Las Ideas”“ von Federico León im Zelaya

Von Susanne Franz

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Federico León ist wieder da. Sein neuestes Theaterstück “Las ideas”, in dem er zusammen mit Julián Tello auch als Schauspieler auftritt, wird seit dem 25. März und bis zum 17. April im Theater Zelaya gezeigt. Danach geht das Stück auf Tournee durch Frankreich, Holland, Portugal, Kanada, Italiien und Japan.

Im Jahr 2015 war León mit seinem Werk auf renommierten internationalen Theaterfestivals unterwegs, darunter das Kunstenfestivaldesarts (Brüssel), das Festival delle Colline Torinesi (Turin), “El lugar sin límites – CDN” (Madrid), “La Bâtie” (Genf), FIBA (Buenos Aires), Festival d’automne (Paris), FIT (Cádiz), BAD (Bilbao), BRUT (Wien) und Home Works 7- Ashkal Alwan (Beirut).

“Las ideas” hat den kreativen Prozess zum Thema. Aus einem Treffen zweier Freunde entsteht ganz allmählich ein Schaffensprozess. Sind es die Ideen des einen oder des anderen? Oder machen sich die Ideen vielleicht sogar selbstständig?

Aufführungen sind noch am Samstag, dem 2.4., um 21 Uhr; Sonntag, 3.4., 20 Uhr: Donnerstag, 7.4., 21 Uhr; Freitag, 8.4., 21 Uhr; Samstag, 9.4., 21 Uhr; Sonntag, 10.4., 20 Uhr; Donnerstag| 14.4., 21 Uhr; Freitag, 15.4., 21 Uhr; Samstag, 16.4., 21 Uhr und Sonntag, 17.4., 20 Uhr, im Teatro Zelaya, Zelaya 3134. Eintritt: 180 Pesos. Karten über Alternativa Teatral. Infos unter Tel.:15 4477 2732. Facebook.

Göttliche Theatermaschine

Heiner Goebbels` “Stifters Dinge” im Teatro Colón

Von Susanne Franz

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Einzigartige Mischung aus Performance und Installation: Am vergangenen Wochenende kam das Theaterpublikum von Buenos Aires in den Genuss, das Werk “Stifters Dinge” des berühmten deutschen Theaterschaffenden Heiner Goebbels im Teatro Colón zu sehen. Im Rahmen des Programms “Colón Contemporáneo” (Zeitgenössisches Colón) und mit der Unterstützung des Goethe-Instituts Buenos Aires und der Deutschen Botschaft in Argentinien konnten jeweils 150 Menschen die vier Vorstellungen des 2007 entstandenen Werkes erleben, das in der Schweiz uraufgeführt wurde und seitdem auf den renommiertesten Theaterfestivals und den wichtigsten Bühnen der Welt gezeigt wird.

Im Teatro Colón durfte das Publikum erstmals in der Geschichte des ehrwürdigen Opernhauses mit auf der Bühne sitzen, und vor seinen Augen agierte – eine Maschine. Die verschiedenen Bestandteile des Ungetüms, mehrere Klaviere, Schlaginstrumente, verdorrte Bäume, Lautsprecher, große Video-Leinwände, sind auf drei hintereinander liegenden Schienen angebracht nd werden von Kabeln und Roboter-Greifarmen bewegt. Die Schienen trennen drei Becken voneinander ab, neben denen jeweils ein beleuchtetes Wärterhäuschen steht. Die Becken sind zu Anfang leer, dann streuen zwei im Dienst der Maschine stehende Menschen eine Saat über sie aus und bewässern sie, später sind sie mit einer Art Ursuppe gefüllt, die vor geheimnisvollem, blubberndem Leben zu wimmeln scheint.

Die drei Ebenen der Maschine fahren gegen Ende des Werkes nach vorne und verbinden sich zu einem hämmernden Ganzen, das sich dem Publikum nähert, Dieses aber hat zu dem Zeitpunkt bereits die Angst vor dem Unbekannten verloren und hat verstanden, dass die Maschine Perlen der menschlichen Zivilisation gesammelt hat und versucht, diese demjenigen behutsam in Erinnerung zu rufen, der sie kennt, oder dem nahe zu bringen, der sie vergessen hat oder nie erfahren durfte.

Heiner Goebbels’ Werk ist ein kultureller Webteppich – eine Klangcollage mit visuellen Reizen, die dem Publikum erlaubt, in eine packende Erzählung Adalbert Stifters einzutauchen, Bachs ergreifende Musik zu genießen, über Lévi-Strauss’ Gedanken in einem Interview zu lächeln und zu staunen, Malcolm X’ revolutionäre Ideen zu vernehmen, dem Sprechgesang eines vergessenen Volkes zu lauschen, ein Klagelied zu hören, das allen Schmerz und alles Leid auszudrücken scheint. Die Töne, die die Maschine dazu erzeugt, sind teilweise so fremd, als stammten sie von einem anderen Planeten.

Was ist diese Maschine? Ein letztes Überbleibsel der menschlichen Zivilisation, ein besonders sensibles und poetisches Destillat, das wenigen Übriggebliebenen deutlich macht, was alles verlorengegangen ist? Ist sie eine Mahnung? Oder vielleicht einfach ein Traum?

Sicher ist sie für jeden einzelnen Zuschauer etwas anderes. Im Anschluss an das Stück wird das Publikum eingeladen, die Maschine von Nahem zu bestaunen, und es gibt keinen, der nicht ausgiebig und neugierig um sie herumstromert und sie zu verstehen versucht.

Heiner Goebbels war persönlich in Buenos Aires und verbeugte sich bescheiden beim begeisterten Applaus. Er deutete hinter sich – hier, die Maschine war es, nicht ich – und stand am Ende lächelnd am Rande, um die Menschen beim Betrachten seiner Kreation zu beobachten.

Begegnung zweier Genies

“Franz & Albert” thematisiert ein fiktives Treffen Einsteins mit Kafka

Von Michaela Ehammer

franzundalbert
Fast zeitgleich mit der Entdeckung der Gravitationswellen, deren Existenz Albert Einstein sich sicher war, ist das Stück “Franz und Albert” des Journalisten und Dramaturgen Mario Diament wieder aufgenommen worden. Mit einem einfachen Szenenbild, zwei Genies und vielen grundlegenden Gedanken, verpackt in grandiose Dialoge, ist unter der Regie von Daniel Marcove ein wahrhaftes Meisterwerk entstanden. Ein Werk, das unter anderem auch wegen der talentierten Theaterschauspieler viele Nominierungen und Auszeichnungen erhalten hat.

Den bedeutenden Schriftsteller des literarischen Welterfolgs “Die Verwandlung” und den berühmten Wissenschaftler mit den zerzausten Haaren, den Vater der Relativitätstheorie, kennt wohl ein jeder. Doch was passiert, wenn sich zwei Größen wie Franz Kafka und Albert Einstein zum ersten Mal begegnen?

Mozarts Musik erklingt und das Theaterstück beginnt. Wir befinden uns in Prag, im Jahre 1911, in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie. In den nächsten eineinhalb Stunden werden wir zu Zeugen der Begegnung der beiden Genies, die das 20. Jahrhundert geprägt haben. Als Einstein nach seinem fulminanten Geigenauftritt die Szene betritt und auf den am Boden knienden Kafka trifft, prallen zwei Welten aufeinander, die anfangs unterschiedlicher gar nicht sein könnten: Kafkas trauriges und ruhiges Gemüt, dessen Leben geprägt ist von Ängsten und Selbstmordgedanken und der trotz seiner Neugier und dem Hang zum “Anderssein” den strengen, archaischen Regeln seines Vaters folgt, trifft auf Einsteins quirlige Person. Ein verheirateter Familienmann, der, wie es scheint, den Sorgen seines Alltags in der Musik, im Alkohol und im Pfeifentabak zu entfliehen versucht und sich mit aller Leidenschaft der Wissenschaft verschrieben hat.

All das bietet einen hervorragenden Stoff für ein bühnenreifes Theaterstück. Beide verstehen nicht viel vom Fach des anderen, bringen dem Gegenüber aber Neugier und Interesse entgegen. Mit der Zeit kommen sich Kafka, gespielt von Miguel Sorrentino, und Einstein, dessen Rolle Julián Marcove übernimmt, näher und geben uns einen Einblick in die Tiefen ihrer Seelen: Ihre Ängste, Sorgen und Träume kommen ans Tageslicht und eine Freundschaft scheint sich anzubahnen. Mit einem Walzer tanzen sie beschwingt in eine wunderbare Zukunft. Und am Ende ist auch der Zuschauer beiden näher, als er zuvor gedacht hätte.

“Franz & Albert” wird sonntags um 20.15 Uhr im Teatro El Tinglado, Mario Bravo 948, aufgeführt. Reservierungen unter Tel.: 4863-1188.